Von Gerhard Heberer

Am 19. April jährt sich zum 75. Male der Todestag Charles Darwins. Wer war Darwin? Was bedeuten sein Name und seine Leistung heute? Wohl kaum ist um das Werk eines großen Geistes so gerungen worden wie um das Werk dieses Mannes, wohl kaum ist über ein Werk mehr Unzutreffendes geschrieben worden! Was heißt also „Darwinismus“, wie steht die biologische Wissenschaft unserer Tage zu dieser Lehre?

Im Jahre 1836 kehrte der junge Darwin (er war gerade 27 Jahre alt) von einer sechsjährigen Forschungsreise um die Welt auf dem englischen Vermessungsschiff „Beagle“ heim. Er kam mit einer welterschütternden Idee zurück. Unterwegs hatte sich ihm bei seinen vielfältigen Beobachtungen die Überzeugung gebildet, daß die Organismenwelt, die heute auf unserem Planeten lebt, nicht etwas Unwandelbares ist, wie man damals allgemein annahm, sondern daß sie einen historischen Wandel von zeitlich ungeheurer, nach Jahrmillionen zählender Dauer durchgemacht hat. Die Organismenformen, die „Arten“, waren, nicht stabil, und sie erhielten sich nicht durch die Zeiten konstant, sondern sie waren dynamisch, sie bildeten sich allmählich um im Laufe langer Generationenfolgen. So entstanden immer neue Arten. Es gab eine Abstammungsgeschichte, eine Phylogenie der Arten. Das war ein Gedanke, der in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts ein ganzes Weltbild in seinen Fundamenten erschütterte.

Eine Beobachtung, die ihn zu der Überzeugung führte, daß der geschichtliche Artenwandel eine Realität sei, machte Darwin auf den Galapagos-Inseln, jener mehr als 1000 Kilometer westlich des südamerikanischen Kontinents im Pazifischen Ozean gelegenen Inselgruppe. Auf den vulkanischen und früher unbelebten Inseln fand Darwin eine Gruppe eigenartiger Finkenvögel, die Grundfinken (Geospicinae), heute auch „Darwin-Finken“ genannt. Die nächsten Verwandten dieser Vögel leben auf dem südamerikanischen Festland. Vor langen Zeiten schon haben die Vorfahren der Darwin-Finken auf unbekannte Weise den kleinen Archipel erreicht und sich über die ganze Inselgruppe verbreitet. Darwin fand nun, daß es auf jeder der Inseln charakteristische Sonderformen der Grundfinken gab, die zum Teil merkwürdige Lebensgewohnheiten besaßen. So findet sich etwa eine Art (Cactospiza), die den Instinkt hat, mit einem im Schnabel gehaltenen Stäbchen Insektenlarven aus ihren Bohrlöchern im Holz herauszuholen. Darwin gewann hier die Überzeugung, daß sich auf den einzelnen Inseln in der Isolation jeweils neue Arten von Grundfinken herausgebildet hätten.

Neuerdings sind die Darwin-Finken aufs neue genau erforscht worden. Die Richtigkeit der Erklärung Darwins konnte dabei vollauf bestätigt werden. Wir verfügen jetzt über zahlreiche ähnliche Beobachtungen, und die gegenwärtige Forschung zeigt uns in vielen Fällen überzeugend, daß sich ein Formenwandel, eine „Evolution der Organismen“ auch gegenwärtig noch vollzieht.

Bei der damaligen geistigen Situation der Zeit erschien es Darwin jedoch nur wenig aussichtsreich, seine Ansicht von der Wandlungsgeschichte der Lebewesen der Öffentlichkeit – und sei es auch nur der wissenschaftlichen Öffentlichkeit – zu unterbreiten, ohne zugleich auch eine plausible kausale Erklärung dafür bieten zu können, warum die Arten nicht konstant blieben, sondern sich in langen Zeiten umwandelten. Ja, ihm schien die kausale Erklärung der Tatsache des Artenwandels sogar wesentlicher als die Tatsache selbst. Darwin übersah hier – unter dem Druck der Zeitverhältnisse – daß zum Beweise für die Richtigkeit einer Tatsache keineswegs ihre kausale Erklärbarkeit gehört.

So sammelte nun Darwin Jahr für Jahr Material, um den Ursachen der Evolution, des Artenwandels, auf die Spur zu kommen. Da fiel ihm ein 1798 erschienenes Buch von Th. K. Malthus in die Hände. Es war ein bevölkerungstheoretisches Werk („Essay on the principle of population“), in dem gezeigt wurde, daß sich die Menschheit schneller vermehre, als die Nahrungsmittelerzeugung steige, in absehbarer Zeit die Menschheit also nicht mehr genug zu essen haben werde. Für Darwin war Malthus‘ Werk von entscheidender Bedeutung, er las es „im richtigen Augenblick“. Es führte ihn zur Konzeption seiner Grundidee für die kausale Erklärung der Evolution der Organismen, zur Selektionstheorie, zur Lehre von der Auslese! Diese Lehre ist der Kern des „Darwinismus“, sie ist in der Tat die einzige Theorie, die zu einem kausalen Verständnis der faktischen Umwandlung der Organismen geführt hat. Und sie ist richtig! Der bedeutende Botaniker F. v. Wettstein sagte: „Darwin hat doch Recht behalten“, und Julian Huxley der prominente englische Biologe, hat klar ausgesprochen, daß die Theorie der Evolution auf unbegrenzte Zeit darwinistisch, das heißt selektionistisch sein werde.