Gewiß ist es für alle, die auf der Bühlerhöhe je Patienten oder Erholungssuchende waren, schwer vorstellbar, wie es dort jetzt weitergehen soll, da Professor Dr. Gerhard Stroomann, der Chefarzt des Kurhauses und des Sanatoriums, nicht mehr lebt. Er hat freilich unter seinen jüngeren Kollegen Schüler gehabt, echte Schüler, die nicht nur von seinen Erfahrungen zehren, sondern auch von seinem Vorbild beflügelt werden. Stroomann starb, bevor er 70 Jahre geworden wäre.

Er hatte daran gedacht, sich zur Ruhe zu setzen. Er sprach von einem kleinen Haus, das in der Gegend um Freiburg gebaut werden sollte und in dem er seinen Lebensabend verbringen wollte – sinnierend, studierend, schreibend. Der Verleger Ernst Rowohlt, der als Patient in schwerer Krankheit dem Arzt von Bühlerhöhe viel verdankte, versprach sich davon etwas Besonderes: ein Buch über die Schicksale der Bühlerhöhe und ihrer Patienten, ein Buch, das vielleicht die Geheimnisse der Bühlerhöhe erklärt hätte, das Geheimnis der großen medizinischen Erfolge und wohl auch das Rätsel der Faszination, die diese Stätte auf viele ausübt, ob sie je an diesem zauberhaft schönen Schwarzwaldflecken weilten oder nicht.

Der Professor lächelte zu den Rowohltschen Wünschen. Niemand weiß, ob er, der ein exzellenter Schriftsteller war, den Plan eines solchen Buches – wenn auch nur vage – ins Auge gefaßt hat. Vermutlich wäre es keine belletristische, sondern eine methodische Arbeit geworden, obwohl Stroomann die große und seltene Begabung des Erzählers besaß. Er war Arzt und blieb es bis zum letzten Atemzug. Er sprach gerade zu seinen Mitarbeitern, als der Tod ihn ereilte ...

Gerhard Stroomann, der im Laufe der Jahrzehnte so vielen bedeutenden Menschen in der besonderen ärztlichen und menschlichen Sphäre von Bühlerhöhe begegnet ist – es waren Politiker wie Stresemann, Schumacher und Adenauer, aber natürlich auch Manager der Wirtschaft, Gelehrte und Künstler – und der über seine Begegnungen nie anders als behutsam, ja gleichsam schweigsam, sprach, war selbst ein bedeutender Mensch. Und eine Begegnung mit ihm ist unvergeßlich, zumal, wenn sie im Spannungs- oder Erlösungsverhältnis Arzt–Patient stattfand. In der ZEIT hat er einmal einen Arzt beschrieben, mit dem er als junger Mediziner forschend zusammengearbeitet hatte: "Nie habe ich schöner erlebt, wie schon der Eintritt des Arztes in den Krankenraum therapeutisch wirkte: dämpfend, tröstend, dann aufheiternd und mitreißend."

Genau diese Eigenschaften, die er an einem anderen bewundern gelernt hatte, prägten ihn selbst. Er war ein Meister tröstlicher Behutsamkeit. Er verfügte über eine Ausstrahlung – man kann’s nicht anders nennen –, die den Kranken mit Ruhe und dem Zutrauen erfüllte, in den besten Händen zu sein. Diese "Ausstrahlung" blieb auch dann noch wirksam, wenn man aus längerer Bekanntschaft, ja Freundschaft wußte, daß im Herzen dieses großen Arztes und Menschenkenners eine gehörige Portion souveräner Skepsis schlummerte, die sein stiller Humor vergoldete. Übrigens: Mit ihm bekannt zu sein, ehrte; seiner Freundschaft sich erfreuen zu dürfen, gab das Gefühl, einen Helfer zur Seite zu haben – auch auf Wegen, auf denen, weit entfernt von Bühlerhöhe, keine hohen, duftenden Schwarzwaldtannen stehen.

Wahrscheinlich werden viele Menschen, die in der Politik, der Wirtschaft, der Wissenschaft oder der Kunst Entscheidendes leisten, seit der Nachricht von Stroomanns plötzlichem Tode (denn sie haben ihm von ihren Krankheiten oder Erschöpfungen gesprochen, er nie von den seinen), das Gefühl haben, daß neben ihnen ein Platz leer geworden ist. Menschen vom Schlage Stroomanns sind nicht ersetzbar. Gehen sie, die Leisen, Verständnisvollen, plötzlich dahin, so wissen die Lebenden: Hier, in klarer Luft stand er. Wo er stand, bleibt ein leerer Raum, in den die Luft nicht wieder einströmt.

Sicherlich war Professor Stroomann eine Kapazität im Fachgebiet der Internisten. Vor allem seine Anschauungen über jene Leiden, die man "Managerkrankheit" nennt, und über die er nachgedacht hat, weit ehe dieser attraktive Name aufkam, mögen den Ärzten noch lange nützlich sein. Er nahm dieses Leiden zwar sehr ernst, doch mischte er seiner Betrachtung auch ein wenig Ironie und Kritik an den Zeitzuständen bei: "Die Patienten nehmen die Diagnose ‚Managerkrankheit‘, also Schädigung durch akuten Verschleiß im Beruf, widerspruchslos entgegen" – auch das schrieb er einmal in der ZEIT – "fast wird sie ehrenvoll empfunden. Sie bedeutet ein Zuviel an Hergabe der Kräfte für einen Betrieb, für eine Aufgabe. Ein Opfer wird so benannt". Aber er fügte hinzu, daß immer in Deutschland hart gearbeitet worden sei, hart und mit scharfem Rhythmus, vergaß auch nicht die moderne "Wiederkehr der vielfältigsten Erscheinungen des Falstaff-Typus, den wir gar nicht mehr kannten", sprach vom Einfluß des Lebensrhythmus’ in Arbeit und Erholung und riet: "Schutz und Maß zu finden und zu erwirken, für den jeweiligen Rhythmus besorgt zu sein, das ist offenbar die ärztliche Aufgabe. Es ist dies eine Aufgabe nicht nur für die Medizin."