Paris, im April

Auch heute noch wurzelt das Theater in der Mythologie. Zwar sind nicht mehr die Götter präsent, sondern die Ideologien an ihrer Stelle. Gemeinsame Ideen, Erfahrungen und Sitten sind die Voraussetzung aller Bühnenkunst, die immer auch Selbstdarstellung einer bestimmten nationalen Gruppe in einer bestimmten Zeitspanne ist. Ein Erfolgsstück ist ohne den Bezug zu der herrschenden kollektiven Geisteshaltung nicht zu verstehen.

Die Komödie L’oeuf, „Das Ei“, ist der Erfolg dieser Pariser Theatersaison. Das Stück wird all-, abendlich vor ausverkauftem Haus in jener dichten Atmosphäre gespielt, die auf dem emotionalen Kontakt zwischen Autor, Spieler und Zuschauer beruht. Der Autor, Felician Marceau, ist ein Romanschriftsteller, der in diesem Stück den „inneren Monolog“ des Romans auf die Bühne überträgt. Die Hauptperson des Stücks, Emile Magis, sitzt allein auf der Bühne und erzählt dem Publikum sein Leben. Die Erzählung verwendet die Technik der „Rückblendung“ – geschickt durch Drehkulissen verwirklicht –, so daß die Lebensbeichte Emiles wie ein Bilderbuch vor dem Zuschauer aufblättert.

Hier gilt Rousseaus: „Der Mensch ist von Natur aus gut, nur die Gesellschaft verdirbt ihn“ – und wie Voltaires Candide steht auch der unschuldige junge Mann Emile Magis einer bösen Welt gegenüber.

Die Gesellschaft, die ihn zurückweist, erscheint Emile in sich geschlossen, glatt und ohne Sprünge „wie ein Ei“. Dieses Ei, räsoniert er, ist ein System von Vorurteilen, Gemeinplätzen, Konventionen, Idees reçues, die alle lügen. – Hier stellt sich ein anderer Mythos ein, der Mythos von den lügenhaften Konventionen, ein Mythos, den Flaubert ins bürgerliche Bewußtsein eingeführt hat. Von Flaubert zu Sartres Nausée, dem Ekel am Dasein, ist nur ein Schritt ...

Wie Flaubert und Sartre, so durchschaut auch Emile des „System“ der Konventionen, aber er ist ein kleiner Opportunist, der die Vorteile genießen will, die das „System“ jenen schenkt, welche sich seinen Regeln fügen. Emile beschließt also die Spielregeln zu beachten: Er sucht „mitmenschliche Beziehungen“ – zunächst in der Liebe, findet sie aber nur bei einer „öffentlichen Person“, dann bei einer ältlichen Kassiererin, die er bestiehlt. Dann heiratet er die älteste Tochter eines gutbürgerlichen Hauses (obwohl ihm die jüngste gefiel), erhält einen Amtsposten, eine eigene Wohnung, wird Familienvater und ist endlich in der Geborgenheit des „Systems“, mitten im Ei, installiert. – Aber: Emile, der seine Frau nicht liebt, wird von ihr mit ihrem Jugendfreund betrogen. Er fühlt sich von neuem aus dem Ei ausgestoßen, verfremdet, isoliert. Er beschließt sich zu rächen und erschießt seine Frau vor den Augen des Liebhabers, auf den der Mordverdacht fällt. In der Schlußszene wird der unglückliche Liebhaber zu zwanzig Jahren Zuchthaus verurteilt, während Emile, der betrogene Ehemann, von der Gesellschaft wieder mit offenen Augen aufgenommen wird. „Das ist das System“ sagt Emile zum Schluß, und der Beifall, der einsetzt, scheint den Justizirrtum als Wesen des „Systems“ zu bestätigen.

Aber nein – der allgemeine Applaus bestätigt wohl nur eine glänzende schauspielerische Leistung, denn ein Theaterstück ist hier als Spektakel gemeint. Und so wird am Ende der eigentliche Mythos sichtbar, auf den sich dieses Stück bezieht, der Mythos der action gratuit, der „unverbindlichen Handlung“ und André Gide scheint die letzten Spuren zu verwischen, welche die „Idee reçues“ in uns eingezeichnet haben...

Gertrude v. Schwarzenfeld