Es gibt nichts Ungemeineres als den Kontrast zwischen der wunderbar entmaterialisierten Gestalt des emporschwebenden Herrn in der Isenheimer Auferstehungsvision, mit den von einer fast übermenschlichen Eindringlichkeit durchdrungenen mächtig ausgebreiteten Händen und den drei Wachtern, die auf eine fast ebenso erregende Art aus ihren Ruhelagen herausgeschleudert sind. In der Umgebung des Auferstehenden, der emporsteigt wie eine Rakete, aber ohne den leisesten Anklang an die fatalen Nebengeräusche, die für uns mit dem Begriff der Rakete verbunden sind, ist nichts enthalten, was in irgendeinem Sinne auf ein Erdbeben hindeuten könnte. Und doch sind die massiven Gestalten der drei Wächter so aus ihren Ruhelagen herausgeschleudert, als ob sie von einem Erdbeben erfaßt worden wären, zwei in einer die Horizontale des mächtigen Sarkophags reproduzierenden Horizontalen von der unerbittlichen Art, daß man annehmen darf, daß sie nie wieder ins Lot kommen werden, der dritte mit dem Versuch, nach der Wucht, die ihn umgeworfen hat, zu sich selber zu kommen, aber so, daß an der Aussichtslosigkeit dieses Versuchs ernstlich kaum zu zweifeln ist.

Dazu in allen drei Fällen die Farben von einer Sprachgewalt, daß auch die kühnsten Farbenmeister des Zeitalters vor dieser Sprachgewalt rerschwinden.

Gestalten um die Auferstehung. Ein zweiter Fall (um die Mitte des elften Jahrhunderts): Der Echternacher Kodex.

Denkmal der großen Ottonischen Kunst, mit den erkennbaren Nachwirkungen der monumentalen Schule der Reichenau. Ein Kleinod, das für den deutschen Raum im letzten Augenblick hat gerettet werden können.

D!er Ostermorgen des Märkusevangeliums.

Es gingen drei heilige Frauen l Z morgens früh im Tauen. Sie suchten den Herrn Jesum Christ, l Der von dem Tod erstanden ist.

Man kann nicht sagen: drei Klosterfrauen; aber durch die sehr eindringliche Wirkung ihrer Gewänder sind sie auf eine leicht erkennbare Art aus der Profanität herausgerückt. Eingerahmt in zwei Stauden mit einer pilzartigen Krönung. Jede in der Rechten ein kostbares Gefäß mit einer, wie nan vermuten darf, ebenso kostbaren, wohlriechenden Salbe. Ihnen gegenüber, sitzend auf dem offenen Sarkophag mit den zusammengeballten Grabtüchern und dem in einer Art von Diagonalen aufgerichteten Grabdeckel der Engel mit den mächtig ausgebreiteten Flügeln und der ebenso mächtig sprechenden rechten Hand. Eine Gestalt, die ganz in sich selber ruht. Keine Spur von den Wächtern. Man vermißt sie nicht einmal. Aber man hält die Begegnung fest wie etwas, was man nicht wieder loslassen wird. Und man fragt sich, ob wir noch eine Vorstellung haben von dem, was einmal christliches Abendland gewesen ist. Ein dritter Fall: Der Ostermorgen nach dem Bericht des vierten Evangelisten. Maria Magdalena allein, dem auferstandenen Herrn begegnend, aber dem Herrn in der Abwehrstellung des Noli me tangere! Mit der dunklen Begründung: "Rühre mich nicht an; denn ich bin noch nicht aufgefahren " Wer Italien aufsucht, der sollte, wenn er es einrichten kann, an Padua nicht vorübergehen, in Padua nicht an der Arena Kapelle mit den GiottoFresken, den frühesten erhaltengebliebenen Denkmalen des großen Malermeisters. Unter ihnen als eines der eindrucksvollsten die Vision des Noli me tangere. Maria Magdalena eine mächtige kniende Gestalt, in ein Gewand von der Art eines Mantels eingehüllt, von einer ergreifenden Hilflosigkeit und, mit den vorgestreckten Armen, eines ebenso ergreifenden unbegrenzten Vertrauens. Sie ist mit dem ihr in der Abwehrstellung des "Noli me tangere!" begegnenden auferstandenen Herrn, mit der Siegesfahne, zu einem wunderbaren Ganzeh verschmolzen. Carl Schnaase, der große deutsche Kunsthistoriker, der Lehrmeister Jakob Burckhardts, hat recht, wenn er sagt, daß die sehnsüchtig vorgestreckten Arme und das ruhig gehobene, fest blickende, bittende Antlitz den tiefsten Eindruck machen. Er hat auch recht, wenn er sagt, daß wir darin die Macht der frommen Empfindung fühlen, welche die Seele ganz ausfüllt, so daß sie nichts ist als anbetende Sehnsucht, nach nichts anderem strebt als nach dem einen, was not tut.