Die Farbenfabriken Bayer AG, Leverkusen, stehen mitten in der dynamischen Entwicklung der Großchemie. Die Expansion auf allen Weltmärkten nehme weiter zu, erklärte Professor Dr. Ulrich Haberland, Vorsitzer des Vorstandes, auf einer Pressekonferenz anläßlich Vorlage des Abschlusses für 1956, Im Geschäftsjahr erhöhte sich der Jahresumsatz dem Wert nach um weitere 11 v. H. auf 1,596 Mrd. DM, davon 40 (38) v. H. Exportanteil. Innersten. Quartal 1957 seien weitere beachtliche Steigerungen erzielt worden, wobei sich vor allem die neuen Produkte (z. B. Dralon) fast kometenhaft entwickeln.

Der oHV wird eine von 9 auf 10 v. H. erhöhte Dividende auf 550 Mill. DM AK zur Verteilung vorgeschlagen und die Genehmigung zu einer Kapitalerhöhung in bar um weitere 200 Mill. DM bis 1962 erbeten. Hierzu Professor Haberland: „Der Investitionsbedarf ist unverändert groß und liegt auch 1957 bei mindestens 270 Mill. DM“. Es sei notwendig, die Kapitalbasis dem steigenden Umsatz und den Anlagewerten anzupassen. Das richtige Verhältnis für die Großchemie liege in einem dreifachen Umschlag des Grundkapitals. Man glaube 1958 an die 2-Milliarden-Grenze heranzukommen, so daß auch ein höheres Kapital einen gleich guten Zins wie bisher erhalten werde.

Das Investitionsprogramm 1957 werde verschiedene Bauvorhaben in Gang setzen. Anfang Juli komme die große Dralon-Anlage in Dormagen fast auf volle Produktionsleistung von 5000 Jahrestonnen; sie müsse aber bereits wegen der Absatzentwicklung auf 10 000 Jahrestonnen verdoppelt werden. Die erste Ausbaustufe der neuen Titanfabrik in Uerdingen gehöre ebenfalls zu den Investitionsplänen der Gegenwart, ferner die dieser Tage zwischen Neuß und Dormagen begonnene Erstellung einer Crackanlage (Petrochemie) zur Äthylengewinnung mit einer Kapazität von 15 000 Jato Äthylen oder rund 60 000 Tonnen Rohöldurchsatz. Diese Anlage dürfte in der zweiten Hälfte 1958 in Betrieb kommen. Ferner sei der weitere Ausbau des wissenschaftlichen Hauptlaboratoriums in Leverkusen notwendig. 1956 hat Bayer rund 77 Mill. DM für Forschung ausgegeben (ohne Bauten). Auf dieser Höhe müssen sich die Mittel: weiter halten, wenn der wiedererreichte Gleichschritt mit der internationalen Großchemie gehalten und jeweils hier, jeweils dort ein Vorsprung geschafft werden soll. Wenn man bedenkt, daß 40 v. H. des Umsatzes von Bayer auf Produkte entfällt, deren Fabrikation erst nach 1948 auf Grund der Forschung neu aufgenommen worden ist, dann erkennt man den Expansionsrhythmus, der im Gesetz der Großchemie liegt.

In den Auslandsbeteiligungen wird Bayer bis 1958 rund 170 Mill. DM investiert haben. In-Deutschland sind keine Beteiligungsveränderungen wesentlicher Art eingetreten. Ein Zukauf an Aktien in Cassella erfolgte nicht (Haberland: „Bei 280 kaufen wir nicht“). In Phrix sei man mit keinem Pfennig engagiert. In- und Auslandsbeteiligungen machen zur Zeit rund 200 Mill. aus; sie sind in der Bilanz mit 157 Mill. aktiviert.

Die Ertragslage des Unternehmens ist unverändert gut, wenn auch nach Sparten unterschiedlich. Der Mengenumsatz hat sich stärker erhöht als der Wertumsatz. Jedoch konnten Verteuerungen der Erzeugung einschließlich der Lohn- und Gehaltserhöhungen sowie aus Arbeitszeitverkürzung durch Rationalisierungserfolge und Umsatzerhöhung ausgeglichen werden. Das Verhältnis Betriebskosten zum Umsatz sei auf diese Weise seit 1953 in etwa stabil geblieben. Im Umsatzvolumen stehen die Chemikalien nach wie vor an der Spitze. Das Agfa-Fotogeschäft hat seinen zweiten Platz stabilisiert. An dritter Stelle kommen die Farbstoffe, es folgt die Textilchemie (Cuprama, Cupresa, Perlon und Dralon), sodann die Pharmazeutica und zum Schluß die Pflanzenschutzmittel, deren Entwicklung besonders gut gewesen ist.

Seit der Währungsreform hat das Unternehmen insgetarnt 1,14 Mrd. DM investiert, davon etwa 64 v. H. über Abschreibungen finanziert. Die Anlagen stehen mit 701 (622) Mill. DM neben 157 (146) Mill. DM Beteiligungen zu Buch. Auf, der Passivseite erscheinen Grundkapital und Rücklagen zusammen mit 753 (576) Millionen DM. Wenn die Geschäftstätigkeit weiterhin auf gleich hohem Niveau bleibt und auf der Erlös- und Kostenseite keine außergewöhnlichen Entwicklungen eintreten, kann für das laufende Geschäftsjahr mit einem gleich guten Ergebnis wie 1956 gerechnet werden.

Auf zwei Dinge möchten wir noch eingehen, die Professor Haberland erwähnte, obwohl er, wie er betonte, nicht zur politischen Lage sprechen wolle, sondern seine Meinung als Wirtschaftler sage. Der Vorstoß Erich Ollenhauers in der Sozialisierungsfrage (Montanindustrie und Großindustrie) hätte großen Schaden angerichtet. Der Beschwichtigungsversuch von Heinrich Deist könne die wirkliche Absicht des Oppositionsführers und der Gewerkschaften nicht vertuschen. Außerdem äußerte sich Haberland zum Gemeinsamen Markt. Er erklärte, daß der Gemeinsame Markt eine absolute wirtschaftliche Notwendigkeit sei und daß man nur hoffen könne, daß sobald wie möglich im politischen Raum das Gebilde der Vereinigten Staaten von Europa entstehen möge. Rlt.