Von Paul Hühnerfeld

Auch Berufe sterben aus wie Pflanzen oder Tierarten, die allmählich seltener werden. Auf der Absterbeliste steht in Deutschland (und nicht nur hier) seit langem der Landarzt. Und wie die seltener werdenden Blumen meistens die schönsten sind und die aussterbenden Tiere uns am edelsten vorkommen, so ist es: auch mit aussterbenden Berufen, hier im besonderen mit dem des Landarztes. Einst hat er dazugehört wie der Pastor und der Dorfschullehrer. Aber wie lange ist es her, daß sie im Dorfgasthaus saßen und zu dritt ihren Skat spielten. Denn gibt es heute überhaupt noch richtiges Land, richtige Dörfer und richtige Dorfgasthäuser? Findet man nicht auch in Hintertupfingen im Ausschankraum der „Post“ einen Spielautomaten und eine in ’Bonbonfarben angestrichene Musiktruhe? Man stelle sich vor: den Landarzt im grünen Lodenmantel, in der linken Hand die kleine schwarze Doktortasche und in der rechten einen Groschen, den er gerade in den Schlitz des Musikautomaten werfen will, um sich „Tutti-Frutti“ von Elvis Presley vorsingen zu lassen. Das ist eben nicht vorzustellen. Die Welt des Landarztes ist zu Ende.

Aber ein Nekrolog ist dem Landarzt geschrieben worden, wie er ihn sich schöner und besser nicht hätte wünschen können. Und es versteht sich, daß über diesen Typ nur jemand schreiben konnte, der selber ein Leben lang in einem kleinen Gebirgsdorf im Elsaß Landarzt war: Paul Bertololy, Den Lesern ist dieser Mann auch als Schriftsteller kein Unbekannter mehr. Seinen größten Erfolg errang er vor Jahrzehnten mit dem Liebesroman „Dora Holdenrieth“, von dem der Verlag heute die 147. Auflage ankündigen kann. Das war die Geschichte einer Pennälerliebe, die tragisch endet. Es war ein Buch von unbezweifelbaren erzählerischen Qualitäten, aber auch von ebenso unbezweifelbarer Sentimentalität. Immer wenn man sich gerade an der schönen Sprache des Autors freuen wollte, wurde man wegen der Überstrapazierung des Gemütes ärgerlich. Bertololy hat dann noch andere Bücher geschrieben, den Roman „Liebe“ (ebenfalls ein beträchtlicher Publikumserfolg), einige Novellen und Aphorismen. In allen zeigte sich ein ursprüngliches süddeutsches Erzählertalent voller Gemüt und Herz. Was er uns aber jetzt vorlegt, das Buch seines Lebens nämlich, ist mehr als alles, was er bisher geschrieben hat. Die Apologie des Landarztes

Paul Bertololy: „Im Angesicht des Menschen – Aus dem Leben eines Landarztes.“ Bei Paul List, München; 494 S., 18,80 DM,

ist das Dokument eines Stückes menschlicher Ordnung und Gesittung und nebenbei – dies sei für alle, die sich nicht so für den Landarzt, wohl aber für Dichtung interessieren, angemerkt – seitenweise echte Literatur.

Bertololy also erzählt sein Leben: berichtet rasch über die Pennälerjahre, den ersten Weltkrieg, das dann einsetzende Studium. Er erzählt von seiner Entscheidung, Landarzt zu werden, weil nur dies für ihn bedeutete, ganz zum Wesen seines Berufs vorzustoßen. Er berichtet, wie er mit der Kleinbahn ins Gebirge fährt, in das abgeschiedene Dorf, das ihm zugewiesen wurde, wie er dorthin kommt, sich in der Wohnung-seines Vorgängers einquartiert. Es schildert die ersten Tage, umgeben von Mißtrauen, offener und versteckter Feindschaft (im Dorf gibt es selbstverständlich Hexen und wundertätige Frauen, mit denen der junge Doktor zunächst ein Agreement abschließen muß, um sich überhaupt durchsetzen zu können). Bertololy schreibt, wie sinnlos in den ersten Jahren hier auf dem Lande, weit ab von der Universität, von der Hygiene und der – Sterilität der Kliniken das erworbene akademische Wissen scheint. Ganz andere Tugenden spielen hier in die Ausübung des Arztberufs herein und bestimmen ihn: Mut zur raschen Entscheidung, unorthodoxer Ideenreichtum und vor allem: eine Bärennatur. Denn der Beruf eines Landarztes ist anstrengender als der eines Schwerarbeiters. Mit Recht sagt Bertololy einmal in seinem Buch: „Das Edelreis der Kunst gedeiht nur auf dem erwählten Boden des Persönlichen . . .; das Wissen ist kollektivistisch, jeder vermag es zu erwerben, der nicht gerade auf den Kopf gefallen ist, und jeder kann heute die Medizin ausüben, Schwächlinge und Frauen ...“

Dieser Ausspruch Bertololys richtet sich wohl kaum gegen die Frau als Kollegin. Was er sagen will, ist doch einfach nur dies: Zum Arzt gehörte in früheren Jahren nicht nur sublimes Wissen, sondern auch eine gesunde vitale Natur (übrigens verlangt genau eine solche Natur Hippokrates schon im Traktat über den Arzt). Eigentlich – das steckt hinter Bertololys Aussage – ist es falsch, wenn der Beruf, des Arztes von einem körperlich schwachen oder zu empfindsamen, labilen Menschen ausgeübt wird. Natürlich birgt diese Auffassung eine Gefahr: Die Übertreibung dieser Ansicht demonstriert dann der bekannte Dr. Eisenbart, jener Grobian, der den Patienten die gebrochenen Knochen unter Flüchen wieder einrenkt und die Grippe mit eiskalten Bädern und, wenn es sein muß, handfesten Ohrfeigen kuriert. Bertololy schildert einen solchen Eisenbart, einen seiner Vorgänger, ausführlich und mit großem Vergnügen. Und obwohl man merkt, daß die Sympathie des Autors in gewissen Grenzen dem Vorgänger gehört, obwohl man spürt, daß jener Eisenbart alles in allem vortrefflich gedoktert hat, würde man als Patient doch lieber zum Dr. Bertololy als zu jenem in die Sprechstunde gegangen sein ... Das Gegenteil freilich, der weiche, geistig durchaus interessierte, aber das Landleben und seine Dürftigkeit verabscheuende Arzt enthält Bertololy dem Leser auch nicht vor: Er demonstiert diesen Typ am Beispiel eines Kollegen aus dem Nachbardorf, dessen Ende infolge dieses durch seine Psyche bedingten Versagens das Ende eines Süchtigen und damit ein Ende mit Schrecken ist.