In zwei Städten der Bundesrepublik, in Berlin und in Kassel, ist Gott telephonisch zu erreichen, in Berlin unter 32 01 55, in Kassel unter 1 34 59. Das hört sich blasphemisch an, ist jedoch nicht weniger wahr als der Satz, daß die Kirche ein Gotteshaus sei. Auch weiß der Katholik, daß der Pfarrer ihn im Beichtstuhl nicht aus eigener Macht von den Sünden freispricht, sondern die Macht kommt ihm von Gott. Warum soll der Allgegenwärtige also nicht gegenwärtig sein, wenn ein Mensch in seiner Not sich telephonisch an einen Diener Gottes wendet? Dieser wird am Telephon zwar nicht das Te absolvo sprechen, aber er wird Geduld haben, den Einsamen am Telephon anzuhören und wird ihn mit seiner Teilnahme und seinem Zuspruch womöglich aufrichten. Daß diese Neuerung, deren guter Sinn jedem Verstand einleuchtet, zunächst befremdlich erscheint, liegt daran, daß unser Gefühl uns sagt, ein Mittel der Technik wie das Telephon sei nicht würdig genug. Unser Gefühl neigt sich stets den traditionellen Formen zu, mögen unsere Gewohnheiten auch längst dadurch bestimmt sein, daß unser Verstand den Wert des Praktischen eingesehen hat.

Das Telephon ist ein praktisches Alltagsgerät, zumindest den Büromenschen der Großstadt so vertraut wie kein anderes Instrument. Daß es ein Ersatzmittel für die persönliche Begegnung sei, empfinden wir nur in den außergewöhnlichen Fällen, wenn uns der technische „Anschluß“ nicht hinreichend menschlichen Kontakt gibt. Jedes technische Mittel aber ist nicht nur Steigerung, sondern auch Einschränkung – das Auto so gut wie das Flugzeug und der Lautsprecher. Und diese Einschränkung gibt jenen Menschen, die von den Psychologen als die „Kontaktarmen“ bezeichnet werden, oft bessere Möglichkeiten, am Leben teilzunehmen. Das Auto und das Flugzeug „überbrücken die Entfernungen“ und „geben Sicht auf größere Zusammenhänge“, aber sie lassen die Einzelheiten, die dem Fußgänger vertraut sind, nicht mehr recht gewahr werden. Mikrophon und Lautsprecher vergrößern das Stimmenvolumen, aber die Apparate rauben die feineren charakteristischen Klangfarben. Mikrophon und Lautsprecher sind, nachdem sie in den Versammlungssälen üblich geworden waren, auch in die Kirchen eingezogen: Mikrophon am Predigtstuhl und die Lautsprecher so verteilt, daß sie noch den letzten in der Ecke zwischen Taufbecken und Portal erreichen. Aber ebenso, wie dieser letzte der Frömmste sein kann, der um Gottes und nicht der Gemeinde willen zur Kirche kam, so mag der einsame Mensch in seiner Kontaktarmut und seiner Bedrängnis zum Telephonhörer greifen: Ist das Telephon auch nur Ersatz für menschliche Begegnung, so ist dem Einsamen diese Beschränkung gerade recht. Er weiß das vertraute Zimmer um sich, fühlt sich im Schutz der Anonymität; das Telephon erlaubt ihm, nicht weiter aus seiner Schale herauszugehen, als er will. Und geht im Telephongespräch mit einem unbekannten Menschen, der kein anderes Interesse hat, als dem Anrufer um Gottes willen zu helfen, der Einsame allzusehr aus sich heraus – nun: es ist ja „nur“ ein Telephonat. Oft liegt indessen in der Einschränkung des Erlebnisbereichs eine besondere Intensität: so beim Autofahren, Fliegen, Lauschen am Rundfunk-, Schauer am Fernsehgerät und so beim „Telephonieren. Insoweit vermag die Technik, die jede Steigerung mit einer Einschränkung bezahlt, auch die Gefühle zu steigern.

Freilich, der Funk, der einen Gottesdienst überträgt, ersetzt die Kirche nicht; ein Telephonat ersetzt nicht Beichte und Aussprache. Aber wenn das Telephon im Augenblick, da ein Mensch der Verzweiflung nahe ist, den rechten Anschluß herstellen kann – wie gut! Den Menschen, den es in diesem Augenblick zum Telephon zwingt, vielleicht hat Gott bei ihm angeläutet? Jan Molitor