Warum England das Land der Detektivromane ist – Gedanken zum Abschluß des Prozesses Adams

London, im April

Der längste und aufsehenerregendste Mordprozeß der an sensationellen Mordprozessen so reichen Annalen des Old Bailey ist zu Ende. Und er hat mit dem Freispruch des 58jährigen Angeklagten Dr. John Bodkin Adams, „Witwenarzt“ in Eastbourne, geendet. Siebzehn Tage lang haben die Zeitungsleser der ganzen Welt gefragt, ob der dicke ältere Herr auf der Anklagebank ein Verbrecher sei, der seine Patienten zuerst systematisch zu Rauschgiftsüchtigen machte, ihnen dann suggerierte, daß sie ihn in ihren Testamenten mit Rolls-Royce-Wagen oder altem Silber zu bedenken hätten, und der sie daraufhin umbrachte, oder ob er ein unglücklicher Mensch sei, den die Klatschbasen des verschlafenen Seebades in einen Kampf um sein Leben und seinen Ruf verwickelt hatten ...

Nun, die Geschworenen, zehn Männer und zwei Frauen, haben Dr. Adams des Mordes nicht schuldig befunden. Und was wichtiger ist: Die Staatsanwaltschaft hat auch darauf verzichtet, den zweiten Anklagepunkt – den zweiten Mordverdacht, der im Vorverfahren zur Sprache gekommen war – in einem neuen Prozeß neuen Geschworenen vorzulegen. Welch ein Triumph für den Verteidiger Geoffrey Lawrence! Generationen von Kriminalromanschriftstellern werden vielleicht aus den dramatischen Überraschungseffekten seiner meisterhaft geführten Verteidigung Stoff für ihre großen Prozeßszenen schöpfen. Schon heute sagt man, daß der offizielle Prozeßbericht in Buchform in einer der monumentalen Reihen (etwa den Notable British Trials) erscheinen werde, welche die nie welkenden Denkmäler der großen Ankläger, Verteidiger und Angeklagten der britischen Strafrechtsgeschichte bilden.

Zwei Seelen in der Brust

Wie kommt es aber, daß gerade in England, einem der gesittetsten und ruhigsten Länder der Erde, sich die dramatischsten und als „klassisch“ zu bezeichnenden Mordprozesse abspielen? Wie kommt es, daß gerade England das Land des Kriminalromans ist, das Land der großen Detektive?

Die Frage, warum es in England so viele interessante Mordfälle gibt, ergibt wahrscheinlich die Antwort: daß die Engländer ein zutiefst puritanisches Volk sind. Der Puritanismus mit jener ihm eigentümlichen Weltanschauung, daß alle Sinnenlust sündhaft sei und mit seinem Glauben an die unerbittliche Bestrafung aller Sünden, erzeugt ein geistiges Klima, in dem Schuldgefühle, verdrängte Leidenschaften, das Suchen nach Reinheit und das gleichzeitige Bewußtsein der Beflecktheit eine große Rolle spielen. Das ist der geistige und kulturelle Hintergrund, der den in der englischen Literatur oft geschilderten „kleinen Mann“ charakterisiert: nach außen respektabel, führt er gleichzeitig ein geheimes Doppelleben.