Von Marion Gräfin Dönhoff

Wie sagte der Kanzler bei seiner ersten Stellungnahme zu dem Aufruf der Atomwissenschaftler?: Die Feststellung, ein kleines Land wie die Bundesrepublik schütze sich am besten, wenn es freiwillig auf Atomwaffen verzichtet, sei "rein außenpolitischer Natur". Er knüpfte daran die Schlußfolgerung: "Zu ihrer Beurteilung muß man Kenntnisse haben, die diese Herren nicht besitzen. Denn sie sind nicht zu mir gekommen." Merkwürdig, wir dachten, in einer Demokratie könne jeder seine Meinung sagen, sogar zu außenpolitischen Fragen – sogar, wenn er nicht zuvor beim Regierungschef war.

Und wie sagte Minister Balke, der zuständige Atomminister?: "Die Atomwaffen sir.d der Politik von den Wissenschaftlern angeboten worden"; daher seien sie die Verantwortlichen. Mit anderen Worten, Robert Koch ist fosthum für den Bakterienkrieg zur Rechenschaft zu ziehen und der Erfinder des Messers für alle Morde, die mit diesem Werkzeug begangen wurden,

Das sind nun wirklich eigenartige Antworten und Reaktionen. Offenbar sind Politiker heute so sehr hineingeflochten in einen unpersönlichen Mechanismus, in dieses ganze Gestrüpp von kollektiven Belangen und objektiven Zuständigkeiten, daß sie einer ganz einfachen menschlichen Aussage fassungslos gegenüberstehen. Denn wie kam es zu der öffentlichen Stellungnahme dieser Gelehrten, die sonst stets ängstlich darauf bedacht sind, nicht aus – ihrem wissenschaftlichen Raum herauszutreten? Eigentlich genügt ein Blick in das Gesicht Professor Hahns, um zu wissen, wie tragisch das Schicksal jenem Menschen mitgespielt hat, den es dazu ausersah, mit der Erfindung der Uranspaltung gewissermaßen den zweiten Sündenfall der Menschheit vorzubereiten; eine Beobachtung, die jene Kollegen, die mit Otto Hahn zusammen waren, als ihn die Nachricht von Hiroshima erreichte, in bewegten Worten bestätigen.

Wer kann es diesen Forschern verargen, wenn sie, von der Last der Verantwortung bedrängt, ihrem Herzen Luft machen? Ob freilich solche Stimmen im Bereich der Politik gehört werden und beherzigt werden können, ist eine andere Frage. Und es bleibt auch zweifelhaft, ob jene Wissenschaftler sich von der Verantwortung, in die sie schuldlos hineingestellt wurden, freikaufen können, indem sie sagen: "Ich weiß zwar, daß in diesem Hause ein Mord begangen wird, aber ich gehe ins Nebenzimmer und will mit der ganzen Sache nichts zu tun haben" – denn einer solchen Stellungnahme kommt doch wohl der Wunsch gleich, die Ausrüstung der Bundeswehr mit taktischen Atomwaffen verhindern zu wollen, sich im übrigen aber mit den Gegebenheiten abzufinden und festzustellen: "Wir leugnen nicht, daß die gegenseitige Angst vor den Wasserstoffbomben heute einen wesentlichen Beitrag zur Erhaltung des Friedens in der ganzen Welt und der Freiheit in einem Teil der Welt leistet."

Darauf in der Tat kommt es an, auf die Verhinderung des dritten Weltkrieges! Auf die Dauer wird das nur durch Abrüstung möglich sein. Die Bereitschaft zur Abrüstung, also der Zustand, der diesem Entschluß vorausgehen muß, hängt aber ganz zweifellos von dem Grad der Angst ab, der die Beteiligten erfüllt. Eben aus diesem Grunde – und das geben ja auch die Wissenschaftler zu – spielen die Atomwaffen als Abschreckungsmittel eine entscheidende Rolle für die Erhaltung des Friedens. Augenblicklich versucht der Kreml wieder einmal, durch individuelle Einschüchterung der westeuropäischen Staaten von Norwegen bis zur Bundesrepublik, die Ausweitung des amerikanischen Atompotentials zu verhindern. Nur, wenn diese billigen Versuche nicht von Erfolg gekrönt werden, wird man die Sowjetunion zu ernsthaften Verhandlungen über die Abrüstung bringen können, das heißt, dazu: selber einen Preis zu zahlen.

So gesehen, erscheint der menschlich so begreifliche Appell der Atomwissenschaftler sachlich nicht ganz folgerichtig, denn in der globalen Auseinandersetzung bedeutet ja jede geographische Einengung des amerikanischen Atompotentials eine Schwächung der Voraussetzungen für die Abrüstung, und also für den Frieden. Für den Kriegsfall aber, den es unter allen Umständen zu verhindern gilt, spielt es militärisch gesehen vermutlich gar keine Rolle, ob die Bundeswehr mit taktischen Atomwaffen ausgestattet ist oder nicht, weil es bei der Natur der Waffen gleichgültig ist, ob sie links oder rechts des Rheins stehen.