Während zu Beginn der vorigen Woche das Wertpapiergeschäft stark im Zeichen der drohenden Restriktionsmaßnahmen der BdL stand und es infolge der Käuferzurückhaltung auch vereinzelt rückläufige Kurse gab, traten nach Verkündung der Beschlüsse des Zentralbankrats sowohl Banken als auch die Kunden wieder aus der Reserve heraus. Nach erster Beurteilung der neuen restriktiven Maßnahmen entstand der Eindruck, daß sie weitgehend auf Schonung des Kapitalmarktes abgestellt sind. Infolgedessen kam es in den Börsensälen zu „keinem Schock“. Vernachlässigt blieben lediglich die Pfandbriefe; die Industrieanleihen wiesen dagegen leichte Schwankungen auf.

Im Mittelpunkt des Aktiengeschäfts standen die Montanwerte. Die Verstimmung – hervorgerufen durch den Hausstreit der SPD über die Sozialisierung der Grundstoffindustrien – hat sich hier sehr schnell gelegt, Sie ist sogar in einen leichten Optimismus umgeschlagen, weil man nun nicht mehr annimmt, daß die FDP sich bei einer künftigen Regierungsbildung auf die Seite der SPD schlagen wird. Angeregt wurde das Geschäft in den schwerindustriellen Werten durch die angekündigte Kapitalerhöhung bei Mannesmann, deren Konditionen für den Aktionär günstig sind (3:1 zu 100 v. H.). Da jedoch, zum Bedauern der Börse, die Dividendenhöhe immer noch unbekannt blieb, ist der Kurs für die Mannesmann-Aktien nur unwesentlich über 184 v. H. hinausgekommen. Werden – wie man hofft – 10 (9) v. H. zur Ausschüttung vorgeschlagen, dann könnte in dem jetzigen Kurs noch eine Reserve enthalten sein. Im Zusammenhang mit der bevorstehenden Kapitalerhöhung wurde die 5 1/2prozentige Wandelanleihe der Mannesmann AG von 1955 gesucht. Dieses Papier nimmt im gleichen Verhältnis wie die Mannesmann-Aktien an der Kapitalerhöhung teil. Bei Nichtausnutzung des Bezugsrechts steht es dem Obligationär frei, seine Stücke zum nächstfälligen Termin (2. 1. 58) zu kündigen. Die Auszahlung erfolgt dann zu 100,6 v. H. (Kurs der Wandelanleihe am 12. 4 = 99 v. H.).

In der Rheinstahl-Gruppe verdichten sich die Hoffnungen auf eine bevorstehende Fusion. Daraus erklärt sich der schnelle Kursanstieg bei Rhein. Westf. Eisen von 189 auf 205 v. H. Es wird davon gesprochen, daß diese Aktien in Rheinstahl-Aktien im Verhältnis 1:1,2 umgetauscht werden sollen. Rheinstahl selbst sind von 174 1/2 auf 182 angestiegen. Hier erwartet die Börse sowohl eine gute Dividende als auch ein günstiges Bezugsrecht.

Die Bezugsrechtsnotierung bei AEG ging trotz des hohen Bezugskurses für die jungen Aktien (120 v. H.) glatt über die Bühne. Aus Banckreisen war zu hören, daß etwa 80 v. H. der Altaktionäre junge Aktien bezogen haben. Es gab allerdings auch Institute, bei denen diese Quote wesentlich geringer war; hier hat dann offensichtlich die persönliche Stellungnahme der Bankleiter zur AEG-Dividendenpolitik und zu den Konditionen der Kapitalerhöhung einen Einfluß ausgeübt. Das Bezugsrecht blieb an allen drei Notierungstagen knapp unter pari (10 3/4 bis 10 7/8 v. H.). – Die IG-Farben-Nachfolger lagen in der vergangenen Woche relativ ruhig. Hier wird auf die Dividendenentschlüsse bei Bad. Anilin und Hoechst gewartet.

Am Kurs der Schering-Aktien lassen sich ziemlich genau die Aussichten für die Freigabe des in den USA beschlagnahmten deutschen Eigentums ablesen. In rascher Aufwärtsbewegung haben Schering kürzlich 286 v. H. und mehr erreicht, um jetzt wieder bis 272 v. H. zurückzufallen. Die Verhandlungen in den USA sind durch den Widerstand des USA-Justizministeriums neuerdings erschwert worden. Die Schering-Aktie ist gegenwärtig ein Spekulationspapier; wer sich dort engagiert, muß – das zeigt die Erfahrung der letzten Jahre – vorsichtig operieren. Rechtzeitige Gewinnmitnahmen („der Spatz in der Hand“) scheinen im jetzigen Stadium besser zu sein, als auf „den großen Schlag“ zu warten.

In relativ kurzer Zeit haben sich die Schultheiß-Aktien zu einem der „interessantesten“ Papiere entwickelt. Innerhalb weniger Wochen ist die Aktie um etwa 30 Punkte gestiegen (bis 211 v. H.). Für die Ursache gibt es verschiedene Versionen. Einmal heißt es, daß Oetker-Gruppe hier Ambitionen hat. Oetker ist über die Bank für Brauindustrie bereits an der Berliner Kindl-Brauerei beteiligt und soll über ein kleineres Paket bei Schultheiß verfügen. Da Schultheiß eine Gesellschaft ohne eigentlichen Großaktionär ist, könnten sich natürlich auch andere Stellen hier „festsetzen“ wollen. Andererseits ist zu berücksichtigen, daß im Vergleich zu anderen Brauereikursen die Schultheiß-Aktien bislang als „zurückgeblieben“ gelten mußten. Doch wie gesagt, die Börse hat das Geheimnis der Käufe bei Schultheiß nicht lüften können. Wahrscheinlich verdient dieses Papier auch weiterhin Beachtung. -ndt.