O. Buenos Aires im April

Von Zeit zu Zeit erinnert man sich in Washington Lateinamerikas. Zum Beispiel während der Präsidentschaftskampagnen (was darauf schließen ließe, daß der nordamerikanische Wähler, die Monroe-Doktrin fortentwickelnd, Lateinamerika als eine Art Mittelding zwischen Inland und richtigem Ausland ansieht). 1952 hatte Eisenhower versprochen, sich mehr um die lateinamerikanischen Nachbarn kümmern zu wollen. Er schickte dann, nach der Wahl, seinen Bruder Milton auf eine Informationsfahrt durch den Kontinent. Viel kam dabei nicht heraus, abgesehen von einer gewissen Annäherung an Peron („zu spät und zu früh“) und von einer leichten Verstimmung im State Department über die neue „Nebenregierung“. In die Wahlkampagne von 1956 fiel die Zusammenkunft der panamerikanischen Staatshäupter in Panama. Ihr Ergebnis beschränkte sich auf die Einsetzung einer neuen Kommission.

Ist man sich der strategischen Bedeutung Lateinamerikas für die Verteidigung der Vereinigten Staaten bewußt, vor allem für die Versorgung mit Petroleum und Metallen, so überrascht es, daß die lateinamerikanischen Angelegenheiten von Washington nicht systematischer behandelt werden. Blicken wir auf das vergangene Jahrzehnt zurück, so erscheint der Marshallplan als das einzige Beispiel einer nordamerikanischen konstruktiven Initiative auf wirtschaftlichem Gebiet – einer erfolgreichen Initiative; denn wer weiß, ob es ohne den Marshallplan zu der Montan-Union, zur NATO und zum Gemeinsamen Markt gekommen wäre.

Lateinamerika bedürfte heute eines Marshallplans. Die Bevölkerung des Kontinents, bis auf Argentinien und Chile, wächst mit beängstigender Geschwindigkeit. Von allen Ländern sind nur Venezuela und Argentinien (von seinen Übergangsschwierigkeiten abgesehen) in der Lage, selbst genügend Kapital zu bilden, um die Produktion mit der wachsenden Bevölkerung und mit den zunehmenden sozialen Ambitionen Schritt halten lassen zu können. Der brasilianische Boom der letzten Jahre ist zu einem guten Teil durch glückliche Kaffeepreise und eine wachsende öffentliche Verschuldung finanziert worden; wenn der Kaffee, wie man annimmt, innerhalb der nächsten fünf Jahre erheblich fallen sollte, würde Brasilien – und Kolumbien – vor einer ernsten finanziellen Krise stehen. Das „reiche Peru“ ist mit seinen Millionen von Indianern in den Anden in Wirklichkeit eines der ärmsten Länder des Kontinents; über seiner Zukunft steht dieselbe dunkle Wolke, die sich in Bolivien bereits entladen hat. Fast der ganze Kontinent krankt an einem Mißverhältnis zwischen Bevölkerungszuwachs und Kapitalbildung, einem Mißverhältnis, das es in fast allen Ländern schwer und in einigen Ländern nahezu unmöglich macht, jedem Menschen Arbeit zu geben und Produktion und Einkommen pro Kopf, wenn auch nur geringfügig, langsam zu erhöhen. Soziale und politische Spannungen sind die unausweichliche Folge.

Lateinamerika bedürfte eines Marshallplanes – aber es ist nicht wahrscheinlich, daß es ihn erhalten wird. Bolivien wird auf der Liste der Unterstützungsempfänger bleiben. Argentinien, das nur eines Überbrückungskredites bedürfte, um sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf der peronistischen Hinterlassenschaft zu ziehen, bleibt in Gefahr, in einen Links- oder Rechtsradikalismus zurückzusinken. Washington wird fortfahren die lateinamerikanischen Regierungen gegen den Kommunismus zu verteidigen, statt ihnen zu helfen, ihren Völkern den Wohlstand zu verschaffen, der sie zu natürlichen Bundesgnossen des Westens machen würde. Die Südamerikaner – von den verständigen Mexikanern abgesehen – werden ihre knappen Mittel weiterhin in Unterseeboote und Flugzeugträger investieren, statt in Straßen, Kraftwerken und Schulen. Und man wird auf die Krisen warten, die da kommen werden.

Oder hat Lateinamerika doch eine Chance? Eine Chance, daß die Vereinigten Staaten endlich den Erfolg des Marshallplanes auf der einen Seite gegen die Kostspieligkeit ihrer Politik der Aushilfen auf der anderen Seite abwägen und allgemein zu einer Politik konstruktiver Initiative zurückkehren? Hierzu bedürfte es verschiedener Voraussetzungen: Die USA müßten endlich zum „Primat der Außenpolitik“ gelangen (die Demokraten machen Eisenhower hier weniger zu schaffen als manche seiner eigenen Republikaner); die verschiedenen Ministerien müßten besser koordiniert werden (so führt heute, zum Gram des State Department, das Landwirtschaftsministerium seinen eigenen Nervenkrieg gegen die Kaffee-erzeugenden Länder); und: die Exekutivgewalt müßte sich dazu entschließen, systematische Weltpolitik zu treiben.

Es liegt auf der Hand, daß die Armut von fünf Kontinenten nicht mit den Mitteln des nordamerikanischen Budgets behoben werden kann. Es geht hier nicht um Unterstützungen, sondern um Kredite; um eine Erhöhung der für Kredite zur Verfügung stehenden Beträge und um einen planmäßigeren Einsatz dieser Kredite. Vor allem aber würde der größere Teil dieser Ausgaben von dem nordamerikanischen Privatkapital übernommen werden können, wenn Exekutive und Kongreß sich dazu entschließen könnten, die nordamerikanische Steuerpolitik in den Dienst dieser Politik zu stellen.