Man sollte es nicht für möglich halten: die Ruhrkohlenverkaufsgesellschaften bitten jetzt den Verbraucher, seinen Bedarf in der billigen deutschen Kohle einzudecken! Dieses Angebot gilt vor allem für das Kleingewerbe und für den Hausbrand, der (Briketts in Südwestdeutschland!) letzten Winter zeitweise denkbar schlecht versorgt war – entgegen den beruhigend klingenden offiziösen Verlautbarungen, daß „keine Versorgungslücken“ aufgetreten seien. Der milde Winter und der saisonale Abschwung der vergangenen Monate haben eine relativ günstige deutsche Kohlensituation geschaffen, die (kurzfristig) Gelegenheit bietet, das Gespenst eines Hausbrandbezuges aus teuren Importkohlen zurückzudrängen ...

Wenn die Kohlenverkaufsgesellschaften mit ihrer Aufforderung an den Kleinverbraucher herauskommen, dann bieten sie u. E. eine in diesem Jahr wirklich „einmalige Chance“. Denn die Gesamtkohlensituation ist unverändert so, daß der Kohlenbedarf nur durch etwa 14 bis 16 Mill. t zu erwartende US-Kohlenimporte wird gedeckt werden können. Dabei hat einer der Hauptverbraucher, die Eisen- und Stahlindustrie, erneut freiwillig auf ausreichende Bezüge aus den ihr gehörenden Kohlenzechen verzichtet und die Abnahme einer zusätzlichen Million Tonnen US-Kohle zugesagt. (Die Hütten, die eigene Zechen haben, werden 1957/58 etwa 3,28 Mill. t US-Kohle übernehmen statt bisher 2,28 Mill. t, um die innerdeutsche Kohlebilanz zu erleichtern.) Damit haben die Stahlwerke einen Verbrauchsanteil von 12,3 v. H. an Importkohle. Er liegt also höher als der durchschnittliche Verbrauchsanteil aller übrigen Industrien (11,6 v. H.). Ja, er liegt sogar höher als der USA-Importanteil der Partner Frankreich, Belgien und Luxemburg.

Obwohl Deutschland der Kohlenlieferant des Kontinents ist und obwohl diese Kohle zum erheblichen Teil den Hüttenunternehmen gehört, liegen die deutschen Eisenwerke an der Spitze der US-Kohleverbraucher. Darauf hat kürzlich Bergassessor a. D. Günther Sohl hingewiesen. Bergassessör a. D. Hermann Winkhaus ergänzte mit der Feststellung, daß die Fördersteigerung bei den dem Stahl gehörenden Kohlenzechen seit 1950 jedes Jahr höher war als die zusätzlichen Eigenentnahmen der Stahlwerke aus ihrem Kohlenbesitz.

Die deutsche Öffentlichkeit hat keinen Grund, Kohle oder Stahl als Prügelknaben bei den Versorgungs- und Preisdiskussionen zu benutzen. Die Ursachen der allzu geringen innerdeutschen Kohlendarbietung liegen ganz woanders. Sie sind in erster Hinsicht eine Folge des Verlustes der Ostreviere. Westoberschlesien und Waldenburg brachten jährlich etwa 35 Mill. t Steinkohle, also; fast soviel, wie der gesamte Motanunionsimportbedarf ausmacht. Sie sind für Europa (zunächst) verloren. Ursache ist weiterhin die verfehlte alliierte Nachkriegspolitik im Montanbereich, sodann die viel zu spät begonnene Politik eines beweglichen Kohlenpreises und endlich die nicht der Kohlenwirtschaft adäquate Steuerpolitik.

Darauf sei nur am Rande der Diskussion hingewiesen. Die Hinweise zeigen aber, daß die Aufforderung der Kohlenverkaufsgesellschaften, sich möglichst schon in den kommenden Wochen wieder mit Kohle einzudecken, ein gutgemeinter Rat ist. In wenigen Monaten wird die deutsche Kohle erneut knapp sein. Und zudem besteht die Möglichkeit, daß bei Herbstbeginn ein amerikanischer Bergarbeiterstreik ausbricht, der zu einer ernsthaften Versorgungskrise führen müßte. Die amerikanische Bergarbeitergewerkschaft beabsichtigt, beträchtliche Lohnerhöhungen „nachzuholen“, also sich einen Anteil an dem konjunkturellen Aufschwung der US-Kohle zu sichern. Die Lohnforderungen, die bisher laut wurden, sind von den Bergwerksgesellschaften als „indiskutabel“ zurückgewiesen worden. Eine parallele Entwicklung wie beim Stahl, die im vergangenen Herbst zu mehrwöchigen Stahlstreiks geführt hatte, wäre denkbar. Es braucht nicht gesagt zu werden, was dies für den deutschen und für den Montanunion-Raum bedeuten kann ... Rlt.