Daß der Erfolg des einen Verlegers den anderen nicht ruhen läßt, bis auch er etwas von dem offenbar günstigen – wenn man einmal so sagen darf: Nachfragestrom auch auf seine Mühlen gelenkt hat, ist ja nichts Neues im Buchgewerbe. Und da sich diese Erscheinung gerade auf dem Felde der Taschenbücher in jüngerer Zeit mehr als einmal gezeigt hat, wird der Leser, der dieser Tage im Schaufenster seiner Buchhandlung die ersten beiden Bände einer neuen Taschenbuchreihe mit dem Titel

Das Fischerlexikon

und dem vertraut klingenden Untertitel Enzyklopädie des Wissens entdeckt – wird also dieser Leser vermutlich denken: „Jetzt macht der Fischer Verlag dem Rowohlt Verlag doch tatsächlich die Taschenbuch-Enzyklopädie nach!“

Gemach: ob hier kopiert wird, steht – angesichts der eineinhalbjährigen Vorbereitungszeit der Fischer-Serie – noch sehr dahin. Fischer allerdings kopiert ein Werk (aber das ist eher ein Kompliment als ein Vorwurf), die Enzyklopädie Diderots und d’Alemberts nämlich, auf welch letzteren Fischer sich in seinem Vorwort denn auch ausdrücklich beruft: „Das Werk, das wir begonnen haben und zu Ende zu führen wünschen, hat einen doppelten Zweck: als Enzyklopädie soll es, soweit möglich, die Ordnung und Verkettung der menschlichen Kenntnisse erklären; und als methodisches Sachwörterbuch der Wissenschaften, Künste und Gewerbe soll es von jeder Wissenschaft und jeder Kunst ... die allgemeinen Grundsätze enthalten, auf denen sie beruhen, und die wesentlichsten Besonderheiten, die ihren Umfang und Inhalt bedingen.“

Damit ist die Marschroute dieser neuen Publikationsreihe abgesteckt und zugleich deutlich die Abweichung von Rowohlts Deutscher Enzyklopädie aufgezeigt. Wenn es Rowohlt darum ging, das „jeweils Neueste an Forschung und Erkenntnis“ zu bieten, und wenn der Verlag auf diesem Wege bisweilen wohl ein wenig zu sehr in die ungesicherten Randgebiete der Wissenschaft geriet (wir haben unsere Bedenken dazu in der ZEIT Nr. 5/1956 angemeldet), dann richtet sich Fischers Bestreben offensichtlich mehr darauf, nicht so sehr Brillantes als vielmehr Grundlegendes zu liefern. Schon die ersten sechs Titel der (auf insgesamt 34 Bände angelegten) Reihe geben in ihrer Schlichtheit und, man möchte fast sagen: anspruchsvollen Anspruchslosigkeit darauf einen deutlichen Hinweis: Die nichtamtlichen Religionen; Staat und Politik; Astronomie; Musik; Philosophie.

Nimmt man etwa den Band „Staat und Politik“ zur Hand – er kostet wie alle Bücher dieser Reihe 3,30 DM – dann springt einem sogleich die von Rowohlt abweichende Gliederung dieses enzyklopädischen Werkes ins Auge: zwischen einleitendem Überblick am Anfang und Register sowie umfassender Bibliographie am Schluß stehen als Hauptteil in alphabetischer Reihenfolge die rund achtzig Sachwortartikel, die, von verschiedenen Autoren geschrieben, einen weitgespannten, dabei aber höchst fundierten Überblick über den Bereich der Politik geben. Die Herausgeber, der Berliner politische Wissenschaftler Professor Ernst Fraenkel und der besonders durch seine grundlegende Studie über „Die Auflösung der Weimarer Republik“ bekanntgewordene Historiker Karl Dietrich Bracher haben hier – gemeinsam mit anderen Wissenschaftlern von der Deutschen Hochschule für Politik und von der Freien Universität Berlin – ein politisches Nachschlagewerk geschaffen, das aus der Reihe der mittelmäßigen oder sogar mangelhaften Lexika, die es bisher auf diesem Gebiet gab, weit herausragt. Daß allerdings, da die Autoren ja von der Deutschen Hochschule für Politik kommen, jene schrecklichen und dem Ansehen dieser Wissenschaft wohl nur abträglichen Wortgebilde „Politologie“ und „Politologe“ auch Eingang in dieses sonst so vorzügliche Buch gefunden haben, sei am Rande bedauernd vermerkt.

Die neue Fischer-Reihe, lexikalisch in der Gliederung der einzelnen Bände, enzyklopädisch im Gesamtaufbau, hatte einen guten Start. Man wird abwarten müssen, ob die weiteren Bände halten, was dieser Anfang verspricht, und ob die Reihe nicht sogar eines Tages gemeinsam mit der Rowohltschen, jede die andere ergänzend, so etwas abgibt wie eine echte deutsche Enzyklopädie der Jahrhundertmitte. h. g.