Florenz, im April

In einer Festung, die sich auf den Ansturm der Feinde rüstet, können die Vorbereitungen kaum emsiger sein als in Florenz, das sich für die Invasion seiner Freunde aus aller Welt vorbereitet. Die ersten Patrouillen der ganz Klugen, die noch das Florenz der Florentiner erleben wollen, streifen bereits sommerlich bekleidet durch die Stadt.

Den Putzfrauen, Maurern und Gärtnern schmerzt abends der Rücken, so unitalienisch pausenlos sind sie tagsüber beschäftigt, Florenz würdig zum Empfang ihrer Gäste herzurichten. Wahrhaftig, manchmal fühlt man sich ein bißchen geniert, als sei man ungebeten beim Lever einer bezaubernden Dame eingedrungen, die sich den Winterschlaf aus den Augen reibt und die Züge ihres alten, schönen Gesichts mit kundiger Hand unterstreicht. An manchen Stellen tut sie es heimlich, so im Boboligarten, der noch für Besucher geschlossen ist – zum großen Kummer der Liebespaare. Er wird an Mai- und Juniabenden (zum noch größeren Kummer der Liebespaare) die Kulisse für Musik und Theateraufführungen des Maggio Musicale abgeben, bei dem Florenz mit besten Künstlern des In- und Auslandes beweist, daß die Musen hier nicht nur in den fürstlichen Kerkern der Museen leben.

Es ist eine alte Erkenntnis, daß die berühmtesten Dinge tatsächlich auch die schönsten sind. Aber man braucht wohl eine gewisse Reiseerfahrung, um über den Hochmut hinwegzukommen, mit dem man so gern über die emsigen Touristen mit dem Reiseführer in der Hand lächelt. Nur für die Besucher, die den ganz großen Dreistern-Sehenswürdigkeiten von Florenz schon ihre Reverenz erwiesen haben, würde ich gern den Cicerone spielen und sie an ein paar Stellen führen, wo gemessen an dem Symphoniekonzert florentinischer Schönheit nur Kammermusik für Liebhaber aufgeführt wird.

Diese Reisenden hätten es nicht leicht. Erstens müßten sie mindestens, aber schon allermindestens, acht Tage in Florenz bleiben. Und wenn ich ihren dann nicht klargemacht hätte, daß man Jahre braucht, um Florenz richtig zu entdecken, dann wüßte ich, daß ich zum Cicerone nicht tauge. Zweitens würde ich ihnen das gemütliche Ausschlafen gründlich verderben, denn einen Morgen wenigstens müßten sie opfern, um zum Sonnenaufgang zur Kirche von San Miniato hinaufzusteigen. Die steht zwar auch im Baedeker samt der schönen traurigen Legende des armenischen Königssohns Miniato, der am Arno enthauptet wurde, seinen Kopf unter den Arm nahm und sich erst zur ewigen Ruhe niederlegte, als er auf dem schönsten Hügel über Florenz angekommen war. Aber da steht nichts davon, daß man bei Sonnenaufgang auf die Terrasse vorm Kirchenportal treten und über die erwachende Stadt auf die Apenninenberge am Horizont schauen sollte. Nichts von der Silberfarbe der Ölbäume in der Morgensonne, nichts von dem Seidenglanz des Lichtes über Türmen, Kuppeln und Strom, und nichts davon, daß man die Kunst der alten Meister erst ganz verstehen kann, wenn man diese Landschaft und ihr Licht begriffen hat.

Zur Belohnung für das Frühaufstehen würde ich meine Gäste in die Morgenmesse von San Miniato führen, bei der die Mönche, Unsichtbar, hinter den Chorschranken, gregorianische Gesänge singen. Nach der Messe würden wir die Märtyrerschreine im Chor betrachten: gläserne Karossen mit vergoldeten Rahmen, in denen die Knochen fein säuberlich aufgereiht und mit bunten Seidenbändern umwunden, die kahlen Schädel aber mit vertrockneten Blumenkränzen geschmückt sind Und da wir bei Knochen sind, sollten wir auch den riesigen Friedhof neben der Kirche besuchen, auf dem die Toten in Hut, Mantel und Stein auf ihren Gräbern sitzen, und ihre letzten Behausungen, mehr noch als ihre Häuser zu Lebzeiten, erkennen lassen, wes Geistes Kind ihre Bewohner waren.

Den Morgenkaffee, kohlschwarzen Espresso in winziger Tasse oder sahnigen Capuccino für die Sanften und Durstigen, würden wir auf der Piazza della Signoria neben der Loggia dei Lanzi einnehmen, den Palazzo Vecchio bestaunen – auch nach sehr langer Bekanntschaft ist er jeden Tag neu zu bewundern – und kontrollieren, wann die Touristen ihren Anschauungsunterricht in den Uffizien beginnen.