Das Spiel mit dem Atomtod hat noch keine Regeln

Aufrüstung, Abrüstung, Umrüstung, konventionelle Waffen, taktische Kernwaffen, strategische Kernwaffen, NATO-Plan, Radford-Plan, englisches Weißbuch – wer findet sich da noch zurecht! Während die Sachverständigen planen, wundern sich die Laien. Wundern sich und schlagen wohl auch mal mit der Faust auf den Stammtisch und sagen: „Aber der Norstad hat doch gesagt!“ oder „Der Gruenther..., der Eisenhower ..., der Bundesverteidigungsminister ..., der Adenauer... oder die 18 Atomforscher...“ Man kann Sachverständige gegen Sachverständige aufmarschieren lassen und sich mit ihren Argumenten bombardieren. Das geht ausgezeichnet, denn kaum zwei Sachverständige des Westens sind heute in Fragen der Atomstrategie einer Meinung. Man kann aber auch versuchen, einmal mit der Lampe des gesunden Laienverstandes in das Labyrinth der militärischen Planungen hineinzuleuchten:

Da ist einmal der Norstad-Plan. Für die Bundesrepublik ist er der interessanteste, denn Norstad ist Oberkommandierender der NATO und als solcher auch höchster militärischer Chef der Bundeswehr. Was dieser amerikanische Fliegergeneral plant – natürlich im Einvernehmen mit seinen englischen, französischen und deutschen Untergebenen und Kollegen – ist für die Bundeswehr Gesetz und für die Bundesrepublik unter Umständen Schicksal.

Atomkanonen statt Divisionen

Norstads Aufgabe (wie schon die seines Vorgängers Gruenther) ist alles andere als dankbar. Er hat Armeen und er hat sie doch wieder nicht, denn zwischen seinen Befehlen und seinen Soldaten stehen souveräne Regierungen, die „ihre“ Truppen auch für andere Zwecke verwenden können, zum Beispiel, indem sie sie nach Afrika schicken wie die Franzosen (die heute 700 000 Mann in Algier haben) oder indem sie sie nach Hause schicken wie die Engländer. Dadurch entstehen ständig neue Lücken in der NATO-Verteidigung, die ohne dies schon darunter leidet, daß die Bündnispartner ihre ursprünglichen Rüstungszusagen auch nicht annähernd eingelöst haben. Diese Lücken müssen irgendwie zugestopft werden. Einstweilen haben die NATO-Planer diese Aufgabe gelöst, indem sie fehlende Divisionen durch Atomkanonen zu ersetzen versuchten.

Als „Lückenbüßer“ und nicht als „Modernisierung“, als Not und nicht als Tugend, hat die taktische Atomwaffe ihren Einzug in die strategischen Planungen der NATO gehalten. Das Argument, konventionelle Waffen seien „veraltet“, benutzte man erst später, als längst feststand, daß die NATO-Länder das 1952 in Lissabon aufgestellte Plansoll von 50 Divisionen nicht erfüllen würden.

Die heutige NATO-Planung sieht ungefähr so aus: 30 Divisionen (statt 50), aber dafür taktisch „nuklear“ gerüstet und im Hintergrund die strategische Atomdrohung der Amerikaner und neuerdings auch der Engländer. Eine rein konventionelle Streitmacht gibt es nach den neuesten Plänen des NATO – Hauptquartiers nicht mehr, aber auch noch nicht die rein atomare Streitmacht, von der die Zukunftsstrategen träumen: Bedienungsmannschaften der Atomkanonen, Atomraketen mit dem dazugehörigen „Bodenpersonal“. „Glücklicherweise“ wird jeder sagen, der Phantasie genug hat, sich das Grauen auch eines „bloß“ taktischen Atomkrieges auszumalen und „glücklicherweise“ sagen auch diejenigen unter den verantwortlichen Männern in der NATO, die nicht vergessen haben, warum die taktische Atomwaffe ursprünglich in die NATO einzog, und denen bei dem Gedanken, auf jeden konventionellen Angriff nur mit Atomwaffen antworten zu können, keineswegs wohl ist.