Niemand kann dem Präsidium des Deutschen Sport-Bundes den Vorwurf machen, daß es nicht immer wieder alle Möglichkeiten ausgenutzt hat, einem gesamtdeutschen Sportverkehr die Wege zu ebnen. Selbst Beleidigungen und üble Verleumdungen durch den Leiter des Sportausschusses der Sowjetzone, Rudi Reichert, vermochten den DSB nicht davon abzubringen, sich für die Verständigung zwischen den Sportlern in Ost und West einzusetzen. Das gleiche zu wollen, behauptet allerdings auch der sowjetzonale Sportboß. Nur hat er eine recht eigenwillige und eigenartige Auffassung über das „Wie“ dieser Bemühungen. Schon Ende Februar hat er in Dortmund bei einem Gespräch über den gesamtdeutschen Sportverkehr nichts weiter aufgetischt als Diffamierungen. Angesichts seiner in Dortmund erlittenen Schlappe hätte man annehmen mögen, daß er sich nun eines besseren Benehmens befleißigen würde – aber weit gefehlt! Auf der letzten Tagung des von ihm geleiteten Sportausschusses, auf der er sich endlich mit dem Ergebnis der Dortmunder Besprechung auseinandersetzte, beschuldigte er den DSB mit dem üblichen Partei-Chinesisch erneut, die Gefahr nicht zu erkennen, „die dem deutschen Sport und der deutschen Nation durch die westdeutschen Militaristen und durch die imperialistische Politik der Bonner Regierung droht“. Und dann erließ er einen Aufruf an alle deutschen Turner und Sportler, „sich bei allen gesamtdeutschen Begegnungen über den Ernst der Situation im westdeutschen Sport zu unterhalten, um das Ausmaß der Bedrohung der westdeutschen Sportjugend durch den Militarismus und die anderen volks- und sportfeindlichen Kräfte des Bonner Staates zu erkennen“.

Hiermit hat Herr Reichert eigentlich schon den Schlußstrich unter den gesamtdeutschen Sportverkehr gezogen, noch ehe er überhaupt so recht angelaufen ist. Denn gerade das ist es ja, was wir nicht wollen. Natürlich könnten auch wir unsererseits einige Themen, die uns im sowjetzonalen Sportbetrieb interessieren und gefährlich erscheinen, in die Debatte werfen, etwa die: „demokratische Sportbewegung auf Produktionsbasis“, „Realisierung der Investmittel“, „Sport als Teil der kommunistischen Erziehung“, „fortschrittliche Geschichtswissenschaft“, „ideologische Qualifizierung“, „System der Kaderschulung“ und „Schwerpunktsektionen“, Schlagwörter aus dem sowjetischen Sprachgebrauch, von denen wir bisher im Sportleben niemals etwas gehört haben. Aber wozu? Wir wollen Sport treiben und weiter nichts. Und deshalb hat auch der DSB vorläufig Interesse nur an einem Sportverkehr von Verein zu Verein und nicht an Monstreveranstaltungen, bei denen die Partei-Sportfunktionäre ihre politische Linie verfolgen können. Nach diesen letzten Ausfällen Reicherts scheint es wenig sinnvoll, die Verbindung „auf höchster Ebene“ weiter zu pflegen.

In Melbourne sah es zwar so aus, als sollte es endlich dazu kommen. Aber auch in Australien taten die sowjetzonalen Betreuer alles, um einen engeren Kontakt zwischen den Aktiven nicht aufkommen zu lassen. Dennoch konnte uns das gute Einvernehmen der Sportler untereinander hoffen lassen. Nun aber haben die Funktionäre wieder die Katze aus dem Sack gelassen und fahren in ihren bösen Verleumdungen fort. Melbourne war nur eine „Vernunftehe“ für sie, die schnell wieder geschieden werden kann. Die Funktionäre der Sowjetzone wußten, daß sie nur mit uns nach Australien reisen konnten, und deshalb legten sie sich vor den großen Spielen wohlweislich Zurückhaltung auf. Nun aber beginnt die alte Leier von neuem.

Mögen die Sportverbände der Zone für bestimmte Wettkämpfe die Bezeichnung „Deutsche Meisterschaften“ führen, weil „vom Standpunkt der wirklichen Interessenvertretung der deutschen Sportler nur die Sportverbände der DDR, des ersten deutschen Arbeiter- und Bauernstaates, hierzu berechtigt sind“. Wir wissen, daß die Vereine selbst in beiden Teilen Deutschlands mehr wünschen, als gegeneinander ihre sportlichen Kräfte zu messen. W. F. Kleffel