Die an zentraler Planung und Lenkung durchaus nicht „unterentwickelte“ Sowjetzonenregierung ist in ihrer Organisätionswut auf den Gedanken gekommen, ein neues Gremium zu gründen. „Zur engeren Verbindung der Planung mit der Durchführung der Volkswirtschaftspläne und zur Schaffung einer koordinierenden Leitung der Volkswirtschaft“ hat sie bei sich selbst einen sogenannten Wirtschaftsrat gebildet. Bruno Leuschner, der zwar erfahrene, aber noch immer nicht erfolgreiche Chef der Staatlichen Plankommission, wurde Vorsitzender, seine ranggleichen Genossen, die stellvertretenden Ministerpräsidenten Fred Oelßner (lange Zeit der einheitsparteiliche Chefideologe, der sich neuerdings politökonomisch betätigt), der Export-Experte Heinrich Rau, der ehemalige Landwirtschaftsminister Paul Scholz und der einstige Industrieminister Fritz Selbmann assistieren ihm gemeinsam mit dem Finanzminister Willi Rumpf beim Plan-Denksport.

„Soweit der Ministerrat die Entscheidungen nicht selbst übernimmt“, dürfen die fünf „in allen grundsätzlichen operativen ökonomischen Fragen“ selbst entscheiden und allen Verwaltungen und Betrieben Weisungen erteilen. Sie übernehmen damit so etwas wie die Funktion eines Kleinhirns der Planung. Denn das Großhirn hat noch immer den einzig „souveränen“ Sitz in Moskau. Ihre aktuelle Aufgabe ist schwer und undankbar: obwohl die bisherigen Planungsinstanzen im vorigen Jahr ausnahmsweise den ökonomischen Generälukas für 1957 bereits vor Silvester fertiggestellt hatten, ist er noch immer nicht in Kraft – weil sich nämlich im Herbst völlig planwidrige Ereignisse in Polen und Ungarn zugetragen hatten, die den Wein der planmäßigen Produktionssteigerung zu Wasser werden ließen. Seitdem wursteln die „volkseigenen“ Betriebe nach vorläufigen Plänen, von denen niemand weiß, ob sie nachträglich sanktioniert werden.

Welche Blüten die krampfhafte wirtschaftliche Integration auf Befehl Moskaus zuweilen treibt, zeigt das gleichzeitig abgeschlossene Warenaustauschabkommen zwischen Pankow und Bukarest. Während die Machthaber der Zone bei passender Gelegenheit Mitteldeutschland als klassisches Industrieland mit traditionellen Produktionen preisen, wollen sie in diesem Jahr aus Rumänien ausgerechnet Eisenbahnwaggons und Elektromotoren beziehen. Was würden die Pankower Kleinhirne wohl denken, wenn etwa die chemische Industrie der Bundesrepublik halbfertige Medikamente aus Ägypten beziehen würde? Nur ein derart absurder Vergleich setzt die kommunistische Wirtschaftspraxis in das rechte Licht. gns.