BP, Stockholm, im April

Wieviel ist oder sind eingentlich eine Milliarde Kronen wert? Man hört in Schweden in diesen Tagen soviel von Milliarden ... Die Staatsausgaben betragen weit über 10 Mrd., die Wehrausgaben allein über 2 Mrd. Neuerdings plant man für die nächsten Jahrzehnte einen Fonds von etwa 35 Mrd. zu bilden, um nicht nur die Beamten, sondern das ganze Volk – jeden, der alt wird also –, angemessen pensionieren zu können. Und dann ist da der interessante Stern am internationalen Wirtschaftshimmel, der schwedische Finanzmann Dr. Wenner-Gren, der nun einen wirtschaftlich wenig erschlossenen Teil von Britisch-Kolumbien erschließen will – ein Projekt von rund 25 Mrd. Kronen, mindestens.

Also, wieviel ist eigentlich eine Milliarde Kronen wert? Zum Beispiel: ein Tanker von 30 000 Tonnen, der beladen seine 18 Knoten läuft, kostet heute 25 bis 30 Mill. Kr. Für eine Milliarde bekäme man demnach etwa 33 solcher großen Tankschiffe. Das genannte 25-Milliarden-Projekt des Dr. Wenner-Gren entspricht also in der Größenordnung einer Flotte von 33 mal 25 oder 825 Tankschiffen von je 30000 t. Oder: ein moderner amerikanischer Flugzeugträger von 65 000 t kostet rund eine Milliarde. Das Wenner-Gren-Projekt in Brit.-Kolumbien entspricht also dem Bau von 25 riesenhaften Flugzeugträgern. Für einen Privatmann ein ganz hübsches Unternehmen.

Wer ist nun dieser unternehmungslustige Herr Wenner-Gren? Lange vor dem ersten Weltkrieg geboren, ist er heute 76 Jahre alt. Er begann seine wirtschaftliche Laufbahn als Verkäufer in der schwedischen Industrie für AG Seperator in Deutschland. Im Jahre 1919 gründete er den Elektrolux-Konzern. Ende der dreißiger Jahre siedelte er nach Nassau auf den Bahama-Inseln über, wo ja auch Kolumbus einmal mit Amerika den Anfang machte. Es folgten große Geschäfte in Amerika und Mexiko, die Gründung der Alweg (Einschienenbahn) in Köln und der Erwerb der Aktienmehrheit des Stahlwerks Bochumer Verein. Dr. Wenner-Gren hat heute auch eine Fabrik für elektrische Gehirne, d. h. Elektronenrechenmaschinen in Kanada und in Schweden und noch manches andere. Lebt heute die Forschung von der Wirtschaft oder die Wirtschaft von der Forschung? Auf alle Fälle machte Dr. Wenner-Gren Millionenstiftungen für Forschungszwecke in Schweden wie in Amerika und wurde Ehrendoktor der Universität Uppsala. Er besitzt eine Villa im Stockholmer Diplomatenviertel, hat schöne Kunst- und Antiquitätensammlungen und ist nach wie vor schwedischer Mitbürger. Man weiß, daß er reich ist, und man schätzt ihn auf etwa 500 Mill. Kr. oder eine halbe Milliarde.

Kanada gilt als Zukunftsland, das sich in stürmischer Aufwärtsentwicklung befindet. Britisch-Kolumbien ist diejenige kanadische Provinz, die die schnellsten Fortschritte macht. Sie liegt in der Küste des Stillen Ozeans, ist zweimal so groß wie ganz Schweden und wird nur von 1,3 Millionen Menschen bewohnt, gegen 7 Millionen Schveden. In dieser kanadischen Provinz gibt es alles – vor allem viel Wald, Erdöl und Wasserkräfte. In dieser Provinz hat nun Dr. Wenner-Gren für einen Landesteil, der so groß ist wie ein Viertel von Schweden, die Konzession zur wirtschaftlichen Entwicklung erworben. Zunächst wird eine Bestandsaufnahme aller in diesem Gebiet vorhandenen Möglichkeiten gemacht. Das soll etwa zwei Jahre dauern. Dann wird man Pläne ausarbeiten und sie durchführen, sobald sie von den zuständigen kanadischen Behörden genehmigt worden sind.

Vorgesehen ist zunächst der Bau von Wasserkraftwerken; denn man braucht Energie für den kommenden Grubenbau, für die industrielle Ausnutzung der Wälder, den Bau von Straßen und Eisenbahnen – und zwar soll hier eine superschnelle Einschienenbahn nach dem Alweg-System angelegt werden. Die Holzmasse- und Zelluloseindustrie wird jährlich wenigstens 100 000 t herstellen. Ganze Ortschaften mit Schulen . und Krankenhäusern sollen geschaffen werden. Die englischen, kanadischen, amerikanischen, deutschen und schwedischen Großunternehmen von Wenner-Gren werden gemeinsam an der wirtschaftlichen Erschließung dieses großen Konzessionsgebietes in Kanada arbeiten.

Eine der wichtigsten, wenn nicht überhaupt die wichtigste Frage dabei ist, woher man die erforderlichen Techniker, Ingenieure und Facharbeiter bekommen wird. Viele Hunderte, ja Tausende von erstklassigen schwedischen Kräften dieser Art werden von Kanada gesucht werden. Der Leiter der schwedischen Arbeitsmarktbehörde, Generaldirektor G. Wahlberg, sieht bereits schwarz und meint, daß sich daraus gegebenenfalls eine ernste Lage entwickeln kann – denn schon heute herrscht in Schweden ein fühlbarer Mangel an Ingenieuren und Fachleuten aller Art.

Die schwedische Presse hat mit großem Interesse von dem Wenner-Greenschen Projekt berichtet. Wenn dabei naturgemäß ein abwartender Ton durchklingt, so zweifelt andererseits doch niemand daran, daß die zahlreichen Unternehmen Wenner-Grens in den verschiedenen Ländern die nötigen Kapitalien aufbringen werden. Leicht verstimmt zeigen sich nur die Sozialdemokraten in Schweden wie in Kanada, denen es offenbar nicht recht gefällt, daß hier ein reicher Privatmann Pläne entwickelt und Konzessionen erwirbt, die ihrem ganzen Format nach doch eigentlich von Bürokraten, d. h. vom Staat in die Wege geleitet und dirigiert werden sollten.