Berlin, Ostern 1957

Ohne Jesus Christus würde die Welt nicht bestehen, denn sie müßte entweder zerstört sein oder der Hölle gleichen – dieses Wort des Franzosen Blaise Pascal gilt nicht nur für die Welt, sondern auch für den persönlichen Lebensbereich. Wir alle leben also von Ostern, draußen in der Welt und zu Hause im eigenen Verantwortungsbereich, in den Machtkämpfen der Politik und in den privaten Entscheidungen.

In Europa hat man das lange Zeit hindurch gewußt. Das Osterfest ist zu der größten und herrlichsten Feier der Ostkirche und des orthodoxen Glaubens geworden. Auch die Christus-Begegnung des russischen Volkes hat hier ihren Grund – und zwar bis heute. Für den westlichen Teil Europas gilt das gleiche seit dem frühen Mittelalter. Der Glaube an die Auferstehung Jesu Christi – also der Glaube an das Leben nach dem Tod und aus dem Tod heraus – hat den Menschen immer wieder Kraft zur Liebe, Mut zur Geduld und Bereitschaft zur Verständigung geben.

In unserer heutigen Welt aber beginnen sich andere Tendenzen in den Vordergrund zu schieben und drohen, diese Kraftquelle unseres Lebens gänzlich zu verdecken. Nicht nur der besinnliche Osterspaziergang, wie ihn Goethe beschreibt, gehört der Vergangenheit an, sondern auch der gemeinsame Kirchgang, den noch unsere Eltern kannten. Heute fährt man – jeder mit gleichgesinnten Altersgenossen – hinaus in die neuerblühende Natur oder man wendet sich ganz dem Vergnügen zu; man empfindet die stille Woche – jedenfalls ihre Auswirkungen auf das Radioprogramm und die Unterhaltungsindustrie – als eine Behinderung der persönlichen Bewegungsfreiheit. Das Osterfest, das die Menschen früher einmal zur Besinnung führte, scheint heute bedeutungslos zu werden.

Im Westen ist diese Entwicklung gleichsam unmerklich vor sich gegangen. Wir haben sie nicht gewollt, obwohl wir alle an diesem Prozeß beteiligt sind. Im Osten Europas hingegen arbeitet man schon seit Jahren bewußt daran, das Osterfest systematisch zu entmachten und seine geistige Bedeutung außer Kurs zu setzen. Man bemüht sich, alle Kultur, die seit Jahrhunderten aus dem Osterglauben herausgewachsen ist, abzuschaffen und durch ein aufgeklärtes, wissenschaftlich begründetes Denken zu ersetzen. Religion ist ihnen Aberglaube; darum trachten sie danach, auch die letzten Reste von Religion in den Herzen und Hirnen der Menschen zu vernichten. „Wachse über dich selbst hinaus, indem du in die menschliche Gesellschaft hineinwächst“ – diese Parole von Ministerpräsident Otto Grotewohl gibt die Richtung für die gesamte Erziehungsarbeit an.

Solche Arbeit war vielfach erfolgreich. Schon zeigen sich die Folgen, auf die Pascal hingewiesen hat: eine Welt, die auf die „Mitwirkung“ Jesu Christis bewußt verzichtet, droht zur,-Hölle zu werden. Sicherlich nicht zu einer solchen Hölle, wie sie Dante oder Hiernoymus Bosch beschrieben und gemalt haben, aber zu einer Hölle im Sinne von Sartre und Picasso.

Die Ostberliner Wochenschrift Eulenspiegel“ veröffentlichte vor ein paar Monaten eine Satire: das Höllenpech. Luzifer versucht darin, die Hölle auf eine neue individuelle Behandlungsweise umzustellen; Phrasendrescher und Schönfärber, Bonbondichter und Schnulzenkomponisten sollen nicht mehr den alten Strafen unterworfen werden, weil diese den Vergehen nicht angemessen seien. Statt dessen wird der Vorschlag gemacht, diesen Menschenquälern eine Hölle nach ihrem eigenen Stil zu schaffen mit Spruchbändern und Lautsprechern, aus denen ununterbrochen langweilige Kommentare und die bekannten Klischees der Aufbaulieder ertönen. Und so geschieht es. Die Verdammten werden in den neuartigen Raum gesperrt, wo sie – unter ständiger Musikbegleitung – aufgefordert werden, in eine helle Zukunft zu marschieren. Um die Wirkung dieser Strafe festzustellen, besichtigt Luzifer bald darauf die neue Abteilung. Bleich und erschreckt kehrt er zurück: „Die Kerle haben sich bei mir bedankt und glauben, im Paradies zu sein.“