Als Richard Strauß seine Oper Salome zum erstenmal im französischsprechenden Ausland dirigierte – in Brüssel –, wünschte der Direktor des Opernhauses die Verwendung der französischen Sprache, Strauß hielt es daraufhin für nötig, die Gesangspartien des Werkes umzuarbeiten. Nicht nur änderte er die einzelnen Notenwerte innerhalb der Takte, sondern er paßte auch die melodische Linie den lautlichen Bedürfnissen der französischen Sprache an. Der große Dirigent Felix Wein-Partner wiederum erzählt von einer Tristan-Aufführung, die ihm alle Illusionen dadurch zerstörte, daß der Vertreter der Titelrolle, Jean de Reszke,im übrigen einer der größten Tenöre seiner Zeit, den deutschen Text mit einem starken polnischen Akzent ausgesprochen habe.

Solche Fälle illustrieren die wichtige Rolle, welche nicht nur der Originalsprache überhaupt, sondern auch ihrer richtigen Handhabung für die musikalische und dramatische Gestaltung einer Opernaufführung zukommt. Es leuchtet ein, daß bei der Schallplatte, die ohne alle visuellen und gestenmäßigen Mittel arbeitet, diese Frage sogar noch erhöhte Bedeutung gewinnt.

Nun gibt es natürlich genügend Gründe, weshalb beliebte Opern auch in die eigene Landessprache übersetzt werden müssen, und man nimmt hierbei sogar bereitwillig manche Unzulänglichkeit in Kauf. Auch hat man sich unter Führung der großen Opernhäuser, diesen Tummelplätzen der nomadisierenden Sängerstars mit ihren „assortierten“ Akzenten, in letzter Zeit mehr und mehr daran gewöhnt, mit der Originalsprache allein zufrieden zu sein, einerlei, in welch verunstalteter Form sie gelegentlich auch dargeboten werden mag.

Bizet: Carmen (gesprochene Dialoge“ Col. WCX 1016/18, gesungene Dialoge Decca LXT 2615/17; Die Perlenfischer (Philips A 00188/89 L). Leoncivallo: Der Bajazzo und Mascagni: Cavalleria rusticana (Decca 5223/25). Puccini: La Bohème (Deutsche Grammophongesellschaft 18107/108); Madame Butterfly (DG 18210/12); Manon Lescaut (Decca LXT 2995/97); Tosca (DG 18095/96). Verdi: Aida [Decca LXT 2735/37); Don Carlos (DG 18160/63); Ein Maskenball (DG 18252/53); Rigoletto (DG 18229/31); La Traviata (Decca LXT 2992/94); Der Troubadour (Decca LXT 5260/62).

Wenn auch die Schallplatte – allein schon aus repräsentativen und vertrieblichen Gründen – ohne große Namen nicht auskommt und diese oft genug in hervorragender Zusammenstellung bietet, kann sie sich doch erlauben, manchmal das oben präzisierte ästhetische Moment der Einheit von Musik und Sprache in den Vordergrund zu stellen. Man wird hierbei die Beobachtung machen, daß unter Umständen eine Besetzung mit zweitrangigen Kräften eine intensivere künstlerische Gesamtwirkung erzielen kann als eine zusammengewürfelte Gruppe von Kräften allerersten Ranges. Die Kritik hat deshalb nicht so sehr die Aufgabe, gelegentlich gesangliche Unzulänglichkeiten pedantisch zu notieren; vielmehr dient sie der Sache besser, wenn sie auf solche Gesamtaufnahmen hinweist, die – was Atmosphäre und und echte Dramatik des Ausdrucks anbetrifft – Sonderleistungen darstellen. Eine Auswahl derartiger Titel haben wir deshalb hier genannt. Chr.