Der Orden „Ökumenische Marienschwesternschaft“ in Darmstadt

Es ist wenig bekannt, daß es innerhalb der evangelischen Kirche in Deutschland eine Schwesternschaft gibt, die, wenn auch ohne bindende Gelübde, so doch ihr Leben ganz der Verkündigung und dem Gebet gewidmet hat. Etwas mehr als zwanzig Jahre liegen die ersten Anfänge dazu schon zurück. Jedoch wurde erst vor fünf Jahren der Bau eines Mutterhauses in Darmstadt-Eberstadt vollendet, so daß seit dieser Zeit in der „ökumenischen Marienschwesternschaft“ eine Gemeinschaft erwächst, die mehr und mehr die Tradition eines Ordens bekommt, der hier im evangelischen Raum nicht seinesgleichen findet.

Kommt man von Darmstadt heraus in die Vorstadt Eberstadt, so hören die Häuserzeilen bald auf, und Kiefernwald tritt an ihre Stelle. Noch ein paar Schritte, und rechts erscheine auf hohem Mast eine weiße Fahne. In großen, nicht übersehbaren Buchstaben schleudert sie dem Ankommenden einen Satz entgegen, der den Nichtvorbereiteten bestürzt: „Erbaut allein mit der Hilfe des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat!“ Und man erkennt hinter dem flatternden Tuch, was erbaut wurde: eine Kirche, ein Gebäudekomplex im Quadrat und ein Langhaus, alles sehr stattlich in einem ruhigen Landhausstil, die Häuser weiß mit Ziegeldächern, umgeben von ausgedehnten, sorgfältig bestellten Feldern. Ein paar Frauen arbeiten dort. Weiße, gestärkte Hauben umschließen ihre Köpfe; graue, formlose Gewänder reichen ihnen bis auf die Füße, gehalten von einer geknoteten Kordel, die um die Mitte geschlungen ist.

Vor dem Fremden wird eine Tür geöffnet, die die Stille wie einen Schatz hütet. Ein heller Gang. Die Wintersonne fällt durch klare Fensterscheiben und findet kein Stäubchen. Hinter einer der gleichgroßen Türen hat Mutter Basilea, die Oberin, ihren Raum. Dort wird mit Lebensmittelhändlern und Handwerkern verhandelt und werden bauliche Veränderungen und Verbesserungen mit Architekten besprochen, wobei diese Frau den energischen Standpunkt eines erfahrenen, praktischen Bauherrn vertritt. 52 in graue Nonnentracht gekleidete evangelische Mädchen leben mit Mutter Basilea heute zusammen. Ihre Gemeinschaft ist „eine Neuschöpfung im evangelischen Raum mit dem Auftrag, die Liebe Gottes zeichenhaft durch ein Leben des völligen Glaubens an die Güte des Vaters darzustellen, von der sie, ganz in Abhängigkeit stehend, in besonderem Maße lebt“. So hat es die Oberin formuliert. Die Schwesternschaft soll keine krankenpflegerische Aufgabe übernehmen. Sie soll aber Leben und Leiden aller Kreise und Konfessionen liebend teilen.

Vor zwanzig Jahren hatte sich Mutter Basilea, mit dem bürgerlichen Namen Klara Schlink, zu diesem Weg entschlossen, von dem sie kaum ahnte, wohin er führen würde. Sie gab damals eine leitende Stellung im Dienste einer Missionsgesellschaft auf, weil sie in ihrem Darmstädter Elternhaus Bibelkurse für Bräute der evangelischen Gemeinde einrichten wollte. Doch ehe sie zur Ausführung ihres Planes kam, führte ihr eine Bekannte sechs junge Mädchen zu, die sich zu einem Bibelkreis zusammentun wollten. Im Jahre 1936 wegen der politischen Verhältnisse eine unsichere und gefahrvolle Sache! Nachdem Klara Schlink sich aber einmal dazu entschlossen hatte, wuchs die Schar von Jahr zu Jahr, obwohl in den Kriegsjahren die Zusammenkünfte schwieriger wurden und die Bombengefahr die jungen Mädchen hätte abhalten können. Kurz vor Kriegsende geschah etwas, was Schwester Basilea später als Erweckung erkennt. Fünfzehn junge Menschen und ihre beiden Führerinnen – Erika Madauss ist inzwischen die Assistentin von Klara Schlink geworden – beschließen, für immer zusammenzubleiben. Die Oberin erhält nach großen Schwierigkeiten die Lizenz zur Gründung eines Ordens. Sie empfängt ein großes Grundstück als Geschenk, dazu die Mittel zu einem festen Holzhaus und endlich einen so großen Betrag, daß der Bau einer Kirche, des Mutterhauses und der Nebengebäude verwirklicht werden kann. Zwischen diesen Ereignissen liegen jeweils Jahre, im ganzen sieben. Das notwendige Geld fließt der Oberin immer wieder als Spende zu.

Bis zum Jahre 1952 hat der Orden unter der Leitung seiner Oberin schon eine beträchtliche Aktivität entwickelt. Mutter Basilea pflegt einen regen Gedankenaustausch mit Gleichgesinnten, die mit brennender Anteilnahme auf eine Erneuerung der evangelischen Kirche warten. Sie betrachtet die vorbehaltlose Abhängigkeit von Gott als unumgängliche Konsequenz des Glaubens. Also steht sie in unaufhörlichem Gebet vor Gott, also bittet sie um jeden Ziegelstein wie um das tägliche Brot, und hinter ihr steht betend und bittend ihre Gemeinschaft, die sie lehrt und anleitet, einander demütig zu dienen. Sie ist sich dabei der schwer zu tragenden Verantwortung des Christen bewußt, der – wie Karl Barth es ausdrückt – „ein bißchen besser weiß als andere, daß wir alle ohne Ausnahme sehr viel angestellt haben, so viel, daß wir unser ganzes Leben hindurch vor den Richter, und zwar vor den höchsten und strengsten Richter, treten müssen und dann so oder so zu büßen haben für das, was wir sind, gedacht, gesagt und getan haben“. Mutter Basilea empfängt in dem neugebauten Gästehaus Angehörige aller Bekenntnisse. Angehörige der evangelischen Freikirchen, Anglikaner, Katholiken sind bei ihr zu Gast. Eine Tertiärschwesternschaft bildet sich von Frauen, die in bürgerlichen Verhältnissen in ihren Familien leben, sich aber dem Geist der Marienschwesternschaft verbunden fühlen.

Mutter Basilea reist und gewinnt ihrer Idee Freunde. Sie sorgt schließlich für 54 Menschen, die gespeist und gekleidet werden müssen. Sie schafft Werkstätten für Graphikerinnen und Bildhauerinnen, richtet einen eigenen Buchverlag zum Druck und Vertrieb einer hier entstehenden Schriftenfolge ein, schickt die Schwestern aus, damit sie Druck und Umbruch lernen, versorgt eine große Schar von Gästen und gibt die Anregung zu Verkündigungsspielen, die übrigens auf dem Evangelischen Kirchentag in Frankfurt sehr beachtet wurden. Stoff dazu findet sie in den Stationen der Passion Christi, die auch im Kreuzgang des Mutterhauses als Halbreliefs dargestellt sind. Aber auch Spiele, wie „Der verlorene Sohn“, „Die zehn Jungfrauen“, „Abraham“ und „Israel“, werden abgefaßt und viele Male an Sonntagen für die aus der Nachbarschaft von Darm Stadt kommenden Gemeinden aufgeführt Alle Texte stammen aus Mutter Basileas Feder. Eßraum und Pergolaaußenwände zeigen überlebensgroße Sgraffitos. Die Kapelle, der sogenannte Kapitelsaal und der Innenhof nehmen Heiligenfiguren und Darstellungen aus Jesu Leben auf. Sgraffitos und Plastiken, alles wurde im Atelier der Schwesternschaft entworfen und ausgeführt.