Den todsicheren Börsentip gibt es nicht! Er läßt sich zwar erzeugen, wenn eine Anzahl von Leuten veranlaßt werden, zur gleichen Zeit die gleichen Papiere zu erwerben. Denn dann steigt natürlich der Kurs dieser Aktien infolge der plötzlichen Nachfrage. Aber auf die Dauer lohnt es sich kaum, solche Spekulationen mitzumachen, überhaupt ist es leichtfertig, „blind mitzukaufen“, in der Hoffnung, schon irgendwie mit Gewinn wieder aus dem Papier herauszukommen. Wer sein Geld in Aktien anlegt, um Kursgewinne zu erzielen, die sogar steuerfrei sind, wenn zwischen dem Erwerb und dem Verkauf drei Monate liegen, muß das Risiko einigermaßen abschätzen können. Oftmals prallen die Meinungen über das Ausmaß der Kurschancen und über die Frage, ob sie überhaupt vorhanden sind, heftig aufeinander. Aufgabe des Börsenjournalisten ist es dann, durch Herbeischaffung zuverlässiger Informationen zur Klärung der Lage beizutragen. Daß er damit nicht immer Freunde gewinnt, zumal, wenn er hochgesteckte Illusionen zerstört, kann wohl nicht anders sein. In unseren „Gesprächen am Bankschalter“ wird versucht, Chancen und Risiken der Wertpapieranlage gewissenhaft gegeneinander abzuwägen. Die Schlüsse daraus müssen die Leser der ZEIT selbst ziehen.

Das am meisten genannte Spekulationspapier des deutschen Wertpapiermarktes sind die IG-Farben-Liquidationsanteilscheine. Sie sind aus der von den Alliierten erzwungenen Entflechtung des alten IG-Konzerns entstanden. Als die IG-Aktionäre abgefunden wurden, erhielten sie Aktien der IG-Farben-Nachfolgegesellschaften und Liquidationsanteilscheine. In den letzteren waren auf nom. 1000 RM je nom. 50-RM-Aktien der Rheinischen Stahlwerke und 60-DM-Aktien der Holding für die Chemischen Werke Hüls sowie die Ansprüche auf den gesamten ehemaligen Ostbesitz des IG-Farben-Konzerns enthalten. Allein der Ostbesitz machte etwa 57 v. H. in der Schlußbilanz der alten IG-Farben aus. Der Rheinstahl-Anteil ist inzwischen ausgeschüttet worden, so daß dieser für die Bewertung der „Liquis“ keine Rolle mehr spielt.

Die Liquidatoren des Konzerns haben zuletzt auf der zu Beginn dieses Monats abgehaltenen oHV festgestellt, daß eine Barausschüttung aus dem etwaigen Liquidationserlös an die Anteilscheininhaber nicht zu erwarten ist. Etwaige Rückflüsse aus dem beschlagnahmten Auslandsvermögen sollen – so sagen die Liquidatoren – an die IG-Farben-Nachfolgegesellschaften gehen, die Anspruch auf eine Kapitalausstattung von 135 Mill. DM haben. Für einige noch auftretende Risiken und bereits geltend gemachte Ansprüche sind Rückstellungen vorhanden. So z. B. für den Wollheim-Vergleich. Die Liqui-Inhaber können sich nur wünschen, daß die zurückgestellten Beträge angesichts der Schadensersatzansprüche ehemaliger Fremdarbeiter, die in den IG-Betrieben während des Krieges gearbeitet haben, ausreichen werden. Das Risiko, daß das nicht der Fall sein wird, erscheint im Augenblick als gering:

Für die Bewertung des Liqui-Kurses ist also nur der Hüls-Anteil und das ehemalige Ostvermögen in Betracht zu ziehen. Sollten die Rückflüsse aus dem Auslandsvermögen eines Tag es in mehr oder weniger voller Höhe einsetzen, dann könnte sich auch daraus noch eine gewisse Chance ergeben. Alle drei Faktoren (Hüls-Anteil, Ost- und Auslandsbesitz) lassen sich heute wertmäßig nicht exakt fixieren. Bei den Chemischen Werken Hüls handelt es sich um einen der wertvollsten Industriebetriebe der Bundesrepublik. Es ist bekannt, daß die großen IG-Farben-Nachfolgegesellschaften daran interessiert sind, das in der Liquidationsmasse ruhende Paket von 50 v. H. der Hüls-Holding möglichst geschlossen in ihre Hand zu bekommen. Nach dem Liquidationsgesetz müssen diese Anteile jedoch zunächst ausgeschüttet werden. Man nimmt an, daß die Nachfolgegesellschaften zum gleichen Zeitpunkt ein Umtauschangebot an die Liqui-Inhaber unterbreiten werden. Wie dies aussehen wird, läßt sich heute nur vermuten. Die Spekulation legt der Holding-Aktie einen Wert von etwa 400 v. H. zugrunde. (Die Aktien der kleinsten IG-Farben-Nachfolgegesellschaft – Cassella – stiegen zeitweilig auf 500 v. H. Sie wurden damals von den großen „Brüdern“ weitgehend aufgekauft.) Bleiben wir bei einem Wert von 400 v. H., dann heißt das, daß 24 Punkte des heutigen Liqui-Kurses von etwa 35 v. H. durch den Hüls-Anteil gedeckt sind. (In 1000-RM-Liquis sind, – wie schon erwähnt – nom. 60-DM-Hüls enthalten, deren Marktwert mit 240 DM angenommen wird.) Es bleiben also nur 11 Punkte für den großen Ostbesitz und – allerdings sehr unsichere – Chancen, noch aus dem Auslandsvermögen etwas zu bekommen. Die Ostquote ist im Vergleich zu anderen Ostpapieren alles andere als überhöht. Erfahrungsgemäß steigt sie, wenn sich die Ost-West-Spannungen vermindern. Wer der Ansicht ist, daß in der Wiedervereinigungsfrage demnächst Fortschritte zu erwarten sind, sollte seinem Wertpapierbesitz auch einige Liquis einverleiben... K. W.