Theaterkritiken von Alfred Kerr sind heute noch lesbar. Der Neudruck einer Auswahl seiner „Welt im Drama“ wurde beim Kiepenheuer & Witsch-Verlag im Laufe von zwei Jahren ausverkauft. Soeben verlegt Rowohlt auch Alfred Polgar wieder. Dagegen dürften Rezensionen, die augenblicklich in Tageszeitungen veröffentlicht werden, nach einem Viertel-, ja halben Jahrhundert kaum noch dieselbe Anziehungskraft ausüben. Das liegt gewiß an der gegenwärtigen Struktur der Tagespresse. Sie hat das ausführliche Schauspielerporträt aufgegeben, wie es Siegfried Jacobsohn und zuletzt Herbert Ihering in Berlin pflegten. Sie hat auch keine literarischen Ideale mehr, für die Alfred Kerr als streitbarer Kritiker kämpfte. Durch diesen Substanzverlust der journalistischen Kritik droht eine Periode des Theaters in Vergessenheit zu verfallen. Wir konnten die Inszenierungen der Meininger, wir könnten Aufführungen von Reinhardt und Jessner aus den Berichten ihrer Kritiker rekonstruieren. Über einen Teil der dreißiger Jahre informieren die gesammelten Rezensionen von K. H. Ruppel (Berliner Schauspiel) und R. Biedrcynski (Schauspieler, Regisseure, Intendanten). Der erste aber, der die Nachkriegszeit systematisch aufs Korn nahm, ist Siegfried Melchinger. Nachdem wir kürzlich sein „Theater der Gegenwart“ als eine tüchtige Dramaturgie empfahlen, legte er jetzt vor:

Siegfried Melchinger: „Modernes Welttheater – Lichter und Reflexe.“ Carl Schünemann Verlag, Bremen. 180 S., 35 Bildtafeln. 19,80 DM.

Im einleitenden „Versuch einer Übersicht“ charakterisiert Melchinger das neue Publikum als „klassenlos und zahlreicher denn je“. Er konstatiert das Ende des Nationaltheaters und gründet seinen Begriff vom Welttheater auf „elementare Übereinstimmungen, eine Internationalität, wie sie seit 200 Jahren nicht mehr dagewesen ist“. Eine Formel von André Malraux – Musée imaginaire – bildet die Grundlage für Melchingers Theaterbetrachtung: „Das Problem der Moderne ist die Renaissance der Klassik ... Es gibt im Monat keine Richtungen.“ In diesem „Museum der Einbildungskraft“ gelte es, „das jeweils Überdauernde an den Kunstwerken der Geschichte“ darzustellen.

Mit vier Untersuchungen bietet Melchinger dann praktische Beispiele und zugleich „Theaterkritiken“, die als Dokumente bestehen können. Er behandelt „das Mysterium von Antigone“ auf Grund der musikalischen Bearbeitung Hölderlins durch Carl Orff, 1956 in Stuttgart von Wieland Wagner inszeniert; ferner die Hamlet-Darstellung durch das Old Vic Theatre 1955 in London, eine Mailänder Goldoni-Inszenierung von Giorgio Strehler und Molières „Don Juan“ in der Wiedergabe durch Jean Vilar und sein Pariser Theater. „Anmerkungen“ ergänzen jeweils die flüssig lesbaren, stets den fruchtbarsten Augenblick erfassenden Kritiken durch historische und stilistische Hinweise.

Wenn wir diese vier von den „Zwölf Aspekten des modernen Welttheaters“ als beispielhaft hervorheben, so sei andererseits nicht verschwiegen, daß manches in den übrigen Kapiteln der Systematik des Autors entgleitet. Melchinger selbst sucht das Theater, das im Gegensatz zur Macht steht. Deshalb widmet er als einzigem Theaterleiter Gustaf Gründgens eine besondere Studie. Er sei ein „Modellfall für das Dilemma und die unauflösbare Ratlosigkeit: Der Künstler und die Macht“. Dieses echte Spannungsverhältnis endet jedoch mit Gründgens’ Abgang vom neuen Düsseldorfer Schauspielhaus. Es wäre reizvoll gewesen, zu untersuchen, ob für die von Melchinger auch angesprochene neue Machtspannung – Theaterleiter und Anonymität des Massenpublikums – Gründgens’ Praxis noch symptomatisch ist.

Fast schwärmerisch preist Melchinger als eine der Manifestationen des Welttheaters die Oper. Gern würde man sich mit ihm auseinandersetzen über Probleme des gegenwärtigen Musiktheaters, die er in Wien, Salzburg und Mailand umgeht. Er preist statt dessen „die Macht des Gesanges“ und hält sich an die Musik: „Das sind wir selbst in unserem Innersten.“ Aber dieser sonst so hellhörige Kulturkritiker hat Bayreuth leider ausgelassen ... Mit Recht nämlich sagt Melchinger nach Wieland Wagners Stuttgarter Orff-Inszenierung, er wünsche „einem Publikum, welches diesem Experiment zuzustimmen geneigt ist, nicht anzugehören“. – Der Prachtband wirkt attraktiv durch große, gut reproduzierte Bilder. Johannes Jacobi