Wir sind von der zeitgenössischen amerikanischen Literatur harte facts in rauher Verpackung gewohnt. Weniger ist daneben „die stillere Stimme Amerikas“ über den Ozean zu uns gedrungen. Aus dem Munde William Saroyans klingt diese Stimme von gütigem Vertrauen und heller Zuversicht – trotz aller Garstigkeit des Lebens – und von den verschwiegenen Schönheiten der geringsten alltäglichen Dinge. Wir kennen Saroyans anmutige Gabe, menschlichen Schwächen durch ein verzeihendes Lächeln den Stachel zu nehmen und sie liebenswert erscheinen zu lassen. Er hat aus der traurigen Komödie des Daseins bezaubernde Gebilde geschaffen, die den warmen Glanz einer mitfühlenden toleranten Herzlichkeit ausstrahlen. Wir wissen aber auch, daß seine brüderlich-hilfreiche Gesinnung ihn nicht davor bewahren konnte, zuweilen gefährlich nahe an die Untiefen der literarischen Plattitüde zu geraten. Da wird dann der Mangel an subtiler künstlerischer Empfindung durch eine selbstgefällige Zufriedenheit überdeckt, die peinlich berührt. In dem Buch

William Saroyan: „Ich hab Dich lieb, Mama.“ Übertragen von Joe Lederer und Hilde Maria Kraus. S. Fischer Verlag, 243 S., 13,50 DM.

spricht die neunjährige Twink die von Herzen kommende und aufs Herz zielende Sprache unanfechtbaren Frohmutes. Alle Widrigkeiten der Welt prallen an der munteren Vernunft des naiv-altklugen kleinen Mädchens ab. Wie ein Bazillus der Freude springt dieses begabte junge Geschöpf in der Geschichte umher und steckt alle und alles zur Freundlichkeit an. Sie macht einen berühmten Broadway-Produzenten auf sich aufmerksam und verschafft ihrer vergötterten Mama die langersehnte große Rolle. Als Stars gehen die beiden in einem Stück auf, das eigens für die Kleine geschrieben wird. Ja, sie heilt sogar eine zerbrechende Ehe.

Vor solche Erfolge aber hat der Autor den Schweiß gesetzt, denn der Spaß am Leben – so könnte die Devise des Buches lauten – erwächst aus der freudigen Überwindung seiner Widerstände. Und darum heißt es arbeiten: am Theaterstück, an sich selbst, ein jeder am anderen und vor allem die frühreife Tochter an ihrem „Mama-Mädchen“. In einer Atmosphäre prächtigen Teamgeistes kann es drum auch nicht fehlgehen: alle sind außerordentlich nett zueinander und am Ende glücklich. Das herzige kleine Mädchen macht sich nichts aus Starkarriere und Bewunderung und möchte am liebsten eine Baseball-Kanone werden.

Es ist nicht von ungefähr, daß Saroyan die Erzählhaltung eines Kindes einnimmt. Seine tröstliche Philosophie gewinnt ihren Zauber gerade aus der kindlich-vertrauenden Gläubigkeit, durch die er das Gute im Menschen zu retten sucht. Hier aber wird gemogelt, hier werden schelmische Banalitäten durch das Sprachrohr unschuldigen Kindermundes als fröhliche Einfalt ausgegeben. Es handelt sich hier um Erwachsenenprobleme, die aus der vermeintlichen Sicht eines Kindes dargestellt sind. Wäre die Fiktion gelungen, dann müßten Menschen, Dinge und ihre Beziehungen zueinander durch diese Sehweise in ein neues Licht gerückt werden. Es müßten sich Überraschungen ereignen, wo man schon lange verlernt hat, sich überraschen zu lassen. Der Leser wartet darauf, von einem wiedergewonnenen Zustand der Unschuld aus die Welt heiter verwandelt, verzaubert zu finden. Aber sie wird nur versimpelt – auf sehr erwachsene Manier, und das – wie man mit Ärger feststellt – durch einen unerlaubten Trick. Das allumfassende Evangelium der Nettigkeit, das hier verkünder wird, erinnert nämlich zu sehr an die naiven Ermunterungen moderner Medizinmänner, die sich der „Eroberung des Glücks“ und der Kunst, Freunde zu gewinnen, verschrieben haben.

Schade, daß sich für einen Autor von solchem lang eine Chance, die gerade seiner spezifischen Begabung zu entsprechen scheint, als Fallstrick erweisen mußte. Daß ihm manche hübschen Partien, besonders in den lebhaften Dialogen, gelungen sind, zeigt nur, wieviel er aus diesem Thema hätte machen können, wenn er strenger mit sich selbst gewesen wäre. m. p.

Siegfried Sommers Buch „Meine 99 Bräute“ wurde in der letzten Ausgabe der ZEIT auf Seite 10 unter der Überschrift „Seine 99 Bräute“ von Konrad Sternmer besprochen. Den Namen des Rezensenten, der versehentlich nicht genannt war, tragen wir hiermit nach.