Die Babelsberger Filmleute machten sich, als im vergangenen Jahr der durch den Moskauer Parteitag verstärkte polnische Föhnwind auch unter den sowjetzonalen Intellektuellen ein scheues Frühlingsahnen heraufbeschwor, die allgemein erwachte Kritikfreudigkeit zunutze und ritten einige heftige Attacken gegen die Hauptverwaltung Film des Pankower Ministeriums für Kultur. Was sie der obersten Kontrollinstanz des Filmes in der Zone vorwarfen, waren ihr „Provinzialismus“, die Duldung ständiger Eingriffe von Dienststellen der Partei und des Staates in die laufende Produktion, nachträgliche Änderungen an abgedrehten Streifen und Verzögerung ihres Einsatzes aus Furcht vor Beanstandungen durch die Abteilung Kultur des Zentralkomitees der SED. Prominente Regisseure machten sich zu Sprechern der unzufriedenen Filmleute: „Weltfriedempreisträger“ Martin Hellberg und der junge, an der Moskauer Filmhochschule ausgebildete Konrad Wolf, ein Sohn des verstorbenen Schriftstellers Friedrich Wolf. Kurt Maerzig, der Schöpfer von der Partei höchstgelobter Agitationsfilme („Thälmann“), propagierte die Bildung unabhängiger Produktionsgruppen im Spielfilmstudio nach polnischem und tschechischem Vorbild.

Jetzt, während sonst allenthalben eine neue Vereisung Ulbrichts Machtbereich übersieht, können die Babelsberger Rebellen wenigstens einen Teilerfolg ihrer erhobenen Kritik für sich buchen. Filmbeauftragter Anton Ackermann übertrug die volle Verantwortung für die künstlerische und ideologische Gestaltung der Filme den Leitungen der DEFA-Studios. Bisher mußte ein Drehbuch sieben verschiedene Instanzen durchlaufen, ehe es das endgültige Placet erhielt.

Allerdings wird den Direktoren der Studios auch jetzt noch nahegelegt, ihre Pläne mit den „allgemeinen Interessen und Erfordernissen der Kulturpolitik“ abzustimmen, und die Abnahmekommissionen können einen Film ablehnen, wenn er „in seinen Auswirkungen für die Herausbildung eines neuen gesellschaftlichen Bewußtseins schädlich ist“. Bisher bestand lediglich ein solches Gremium für die Begutachtung aller in der Sowjetzone anlaufenden Filme. Jetzt wurde die Bildung zweier zusätzlicher Abnahmekommissionen nur für DEFA-Produktionen verfügt, von denen die eine unter Vorsitz des stellvertretenden Kulturministers Alexander Abusch für sämtliche Spielfilme, die andere für alle anderen Babelsberger Erzeugnisse zuständig sein soll. Neu ist auch, daß diesen beiden Instanzen jetzt neben Vertretern der Hauptverwaltung Film, des DEFA-Außenhandels, des Progreß-Filmvertriebs und des Ministeriums für Volksbildung noch Künstler und Kritiker angehören, Ein Einspruchsrecht gegen die Entscheidungen der Abnahmekommissionen beim Ministerium für Kultur wurde ausdrücklich eingeräumt.

Es ist kaum anzunehmen, daß davon in nächster Zeit Gebrauch gemacht werden müßte. Die von Spielfilmchef Prof. Dr. Albert Wilkening kürzlich verkündeten Pläne für 1957 geben den Zensoren gewiß keinen Anlaß zu Beanstandungen. Hier eine kleine Auswahl: Die Serie westlicher Filme über das „Halbstarken“-Problem wird durch den Streifen „Berlin – Ecke Schönhauser“ um eine östliche Variante bereichert. Die Geschichte spielt zwischen Ost- und Westberlin, und natürlich finden die auf die schiefe Bahn geratenen Jungen am Ende aus dem verderbten Milieu des „kapitalistischen Asphaltdschungels“ schließlich zurück in die feinere Luft des sogenannten „Demokratischen Sektors“. Nicht viel vorteilhafter erscheint das Bild des Westens in der „Spielbank-Affäre“, Da wird nämlich eine arme junge Studentin in betrügerische Machenschaften verwickelt, womit die „verderbte Gesellschaftsordnung“ der Bundesrepublik illustriert werden soll. Immerhin können die Filmfreunde dabei bekannte westdeutsche Schauspieler, wie Gertrud Kückelmann und Rudolf Forster, in Totalvision, dem Babelsberger Cinemascope, sehen. Den erwünschten „bewußtseinsbildenden“ Kontrast zu solchen Demonstrationen „westlicher Dekadenz“ bildet „Das große Abenteuer“ der aktivistischen Wismut-Kumpels, die im schönen Erzgebirge Iran für das „bessere Leben“ schürfen. Viele Bacher kommunistischer Autoren werden in belegte Bilder umgesetzt. Parteipoet Kuba behandelte in dem unlängst aus der Taufe gehobenen hundertsten DEFA-Spielfilm „Schlösser und Katen“ du Thema „Neues Leben auf dem Lande“. Das breitgewalzte und -wandige zweiteilige Flimmerepos vom unehelichen Tochterlein Annegret des von der Roten Armee vertriebenen Barons, das als Zootechnikerie zum wachsenden Wohlstand beiträgt, während ihr Stiefvater, der „krumme Anton“, von der Rückkehr seines feudalen Herrn träumt, und Annetet dann als Erbin des Ritterguts sieht, bietet zwar als besondere Attraktion eine Babelsberger Version des 17. Juni 1953, strapaziert aber im überigen 140 Minuten lang die Ausdauer der Besucher. Regisseur Kurt Maetzig scheint sich danach ebenfalls nach Entspannung zusehnen. Er beabsichtigt, einmal einen Revuefilm zu drehen. Martin Hellberg zieht sich in die Klassik zurück und läßt seiner vorjährigen Verfilmung von Calderons Lessings von Zalamea“ Lessings „Emilia Galotti“ fogen. Unpolitische Themen finden überhaupt im DEFA-Programm für 1957 stärkere Berücksichtigung. Dabei ist man nun gleichfalls der westdeutschen Remake-Mode verfallen. „Traumulus“ soll mit dem Ost-West-Wanderer Willy A. Kleinau in der Titelrolle filmische Auferstehung feiern, und auch eine Neufassung des „Bettelstudenten“, „Mazurka der Liebe“, gibt es. Eine Biographie Jacques Offenbachs ist ein weiteres der Babelsberger Projekte, zu denen auch je eine Co-Produktion mit der Tschechoslowakei, Bittere Liebe“, und mit Frankreich, „Die Elenden“ nach Victor Hugo mit Jean Gabin, zählen. Erich Engel, neuer künstlerischer Oberleiter des Berliner Ensembles, hat versprochen, jedes Jahr einen Film bei der DEFA zu drehen, und will sich zunächst Brechts „Mutter Courage“ annehmen, die bereits vor zwei Jahren der inzwischen nach Westdeutschland abgewanderte Wolfgang Staudte begann. – Verglichen mit früher ist Babelsbergs Produktion jetzt reichhaltiger. Dem Publikum wird eine wohlausgewogene Mischung von Politik und Unterhaltung präsentiert, schmackhafter gemacht auch dadurch, daß man jetzt mehr Wert auf attraktive Stars legt. Manch ernsthafte Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit, wie sie aus dem ersten Kriegsfilm der DEFA, „Betrogen bis zum jüngsten Tag“, spricht, wünschte man sich auch vom westdeutschen Film. So lebensecht, wie in diesem nach Franz Fühmanns Novelle „Kameraden“ gedrehten Streifen, sah man den deutschen Landser des zweiten Weltkrieges noch kaum auf der Leinwand,

Lohnender und großzügiger ist auch das Importangebot in diesem Jahr. Kürzlich lief Käutners „Hauptmann von Köpenick“ mit größtem Erfolg an, folgen werden „La Strada“ und de Sicas „Dach“ aus Italien, „Gervaise“, „Die Liebenden von Verona“, „Die Welt des Schweigens“, „Lohn der Angst“ und „Nacht und Nebel“ aus Frankreich, sowie erstmalig drei Filme aus den USA: „Nicht als ein Fremder“, „Marty“ und „Rebellion der Gehenkten“ nach Travens Roman.

Während Ulbricht mit allen Mitteln gegen die Idee einer „ideologischen Koexistenz“ zu Felde zieht, beginnt im Dunkel der Lichtspieltheater eine friedlich konkurrierende Koexistenz der attraktiven kapitalistischen und volksdemokratischen Publikumslieblinge.