Zu berichten, „wie es wirklich gewesen“, ist nach einem Ausspruch Rankes Aufgabe des Historikers. Zu sagen, wie es wirklich nicht gewesen, scheint die Aufgabe der noch im Banne der Ereignisse stehenden Zeitgenossen und interessierten Politiker zu sein. – Die Beschwörung des Geistes von Rapallo durch Bulganin (gefolgt von Erklärungen Bonns, daß man von diesem Geist nichts halte) und die Lobeshymnen auf die Entente cordiale anläßlich des Besuches der englischen Königin in Paris legen den Gedanken nahe, sich in beiden Fällen zu fragen, wo die Wahrheit endet und die Legende beginnt.

Ganz allgemein ist die Ansicht, Rapallo sei eine Art antiwestlicher Sündenfall der deutschen Diplomatie gewesen, die Entente cordiale dagegen eine bewunderungswürdige Sache – wenn auch nicht für Deutschland, so doch für England und Frankreich und „die zivilisierte Welt“. Wie aber ist es wirklich gewesen?

Unwahr ist, daß Walther Rathenau, als er am 16. April 1922 von Genua nach Rapallo fuhr, „Verrat am Westen“ beging. Richtig ist vielmehr, daß Deutschland damals aus der Familie der westlichen, ja überhaupt der zivilisierten Völker ausgestoßen war und dementsprechend behandelt wurde. Erst der Rapallo-Vertrag machte Deutschland in den Augen der Siegermächte wieder „interessant“. Es war ein Warnungssignal, nicht auf dem Wege fortzufahren, den der englische Premierminister Lloyd George folgendermaßen charakterisiert hatte: „Man muß Deutschland pressen, bis die Kerne quietschen.“ Derartige Äußerungen hörte man nach Rapallo nicht mehr.

Einen ebenso unverdient guten, wie Rapallo einen unverdient schlechten Ruf, hat die Entente cordiale. Sie entsprang den Revanchewünschen Frankreichs und den englischen Befürchtungen, Deutschland könne zu groß und zu mächtig werden, aber sie war kein Bündnis zur Erhaltung des Friedens. England hielt vor 50 Jahren die Schlüssel zu einem dauerhaften europäischen Frieden in der Hand – es hat das Bündnis mit Frankreich vorgezogen. Ein geschichtliches Ereignis von größter Tragweite, aber bestimmt kein Glanzstück der englischen Diplomatie und kein Anlaß zum Salutschießen,

So werden die Historiker einmal über die beiden Ereignisse urteilen. Aber in der Arena der zeitgenössischen Politik werden noch eine ganze Weile beim Erwähnen von Rapallo Pfuirufe und beim Erwähnen der Entente cordiale Bravorufe ertönen. Langsam aber verschwinden die Politiker von damals von der Tribüne und die dazugehörigen Zeitgenossen aus der Arena, um Generationen Platz zu machen, die nur noch ein Interesse haben: zu erfahren, wie es wirklich gewesen ist. –ll.