Von Ludwig Marcuse

„Der gedankenreichste Autor dieses Jahrhunderts ist. bisher ein Amerikaner gewesen.“

Friedrich Nietzsche

Vielleicht war dieser aphoristische Satz einNekrolog – der kürzeste, der je geschrieben worden ist. Emerson starb im Jahre 1882, fast achtzig Jahre alt, überall in der Welt gefeiert als Denker, als Poet, als „unsere intellektuelle Declaration of Independence“ – wie der angesehenste Richter des Landes, Oliver Wendell Holmes gesagt hat.

Heute werden weder Amerikaner noch Europäer Nietzsches Überschwang ohne weiteres verstehen. Emerson gehört mittlerweile zu den ehrwürdigen Urgroßvätern; es macht sich ganz hübsch, ihn bei feierlicher Gelegenheit mit einem edlen Satz zu zitieren. Wie aber kam der aufsässige, umgetriebene, nicht nur die Masken – oft auch die Haut abreißende Nietzsche dazu, niederzuschreiben: ich darf ihn nicht loben, er steht mir zu nahe?

Auch Emerson stammte aus einer protestantischen Prediger-Familie. Auch er verlor seinen Vater früh, wurde von Frauen erzogen, war kränklich. Auch er rebellierte gegen den Gott seiner Väter – doch sehr mit Maß. Er legte sein Amt als Geistlicher nieder, weil ihm in seiner Schwärmerei für das Universum die Kirche viel zu eng war. Aber als eine junge Dame ihm versicherte, sie würde im Katholizismus ihr Heil finden, ermunterte er sie zum Übertritt. Er sorgte mehr für die Seelen als für die Seelsorger. Seine Kanzel wurde das Vortragspult Neu-Englands – dann Europas; auch in der Zeitschrift The Dial sprach er zu seiner mächtig wachsenden Gemeinde, die keinen konfessionellen Firmennamen trug. Er machte Schule und wurde das Zentralgestirn eines Schwanns von amerikanischen Planeten, Kometen und Monden, welche in die Geschichte der Philosophie als „Transzendentalisten“ eingegangen sind. Heute orientiert sich kaum noch jemand an diesem Stern. Eher gehört er zu jenen, die so selbstverständlich sind, daß man sie kaum noch ansieht, weshalb sie immer schattenhafter werden; denn nur das lebende Immer-neu-in-Augenschein-nehmen hält große Tote am Leben.

Nietzsche hat seinem Preislied auf den „reichsten Amerikaner“ die Paranthese angehängt: „Leider durch deutsche Philosophie verdunkelt – Milchglas.“ Und Nietzsche war nicht der erste, der sich über den reflektierenden Sänger Emerson auch ein bißchen lustig machte. Manch amerikanischer Satellit ließ sich recht respektlos über die geistige Sonne seiner Welt aus. Zwar gibt es Briefe in Hülle und Fülle, die zeigen, daß Emerson geradezu göttliche Ehren zuteil wurden. Aber der Vater des William und Henri James zum Beispiel, das enfant terrible dieses Kreises, ein literarischer Karikaturist von Format, schrieb damals ganz unverblümt: Emerson wirke zwar wie ein überirdisches Wesen, mache er aber den Mund auf, so befriedige er einen nicht mehr als ein altes Weib... Und Freund Carlyle sagte, so schlicht wie selten: „Er gibt uns nicht genug zu beißen.“