-ll, Anklam

„Freie Erde“ heißt eine Zeitung, die in der vorpommerschen Kleinstadt Anklam erscheint und sich besonders an die Menschen wendet, die dank der Bemühungen der Genossen Ulbricht, Pieck und Grotewohl nach der Vertreibung der „ostelbischen Junker“ jetzt auf „freier Erde“ sitzen. Sehr wohl scheinen site sich auf dieser Erde nicht zu fühlen, sonst hätten nicht so viele von ihnen ihr letztes Hab und Gut zusammengepackt und wären nach dem (offenbar doch noch freieren) Westen Deutschlands ausgewandert...

In abgestandener klassenkämpferischer Mundart schildert die „Freie Erde“ den Besuch einer „gar nicht so unbekannten Gräfin von Schwerin mit ihrem liebwerten Schwiegersohn“ auf ihrem ehemaligen „Herrenschloß“. Nichts Schlimmeres hat die alte Dame dort getan, als mit ihren ehemaligen Landarbeitern zu „plauschen“ und ihnen Zigarren mitzubringen. Die ehemaligen Landarbeiter ihrerseits haben auch nichts Schlimmeres getan, als „vielleicht hier und dort noch einmal den Hut zu ziehen“ und sich mit ihr und ihrem „gräflichen Ableger“ (dem Schwiegersohn) zu unterhalten. – „Es ist wohl nicht böse Absicht seitens eines Genossenschaftsbauern (die ‚freie Erde‘ gehört also nicht den Bauern, sondern der Genossenschaft), wenn er sich mit einem Grafen unterhält und nichts Besonderes dabei findet.“ Aber, so warnt die Zeitung, der Schein der Harmlosigkeit trügt. Das Gespräch mit dem Grafen und die Zigarre der Gräfin sollten nämlich „den Rückmarsch jener Schwerins und Bismarcks“ vorbereiten. Da also liegt der Hund begraben! Zwar ein alter, müder Hund aus der Zeit der Krautjunker und Schlotbarone, aber in Pankow-Deutschland bellt er immer noch, teils, weil ihm nichts anderes einfällt, teils, weil er sonst kein Futter bekommt. Und so klingt es, wenn er ganz laut und grimmig bellt: „Die Marxisten wissen um den Klassenkampf. Er beginnt mit dem Auftreten der Gräfin von Schwerin!“ – Was würde wohl aus dem Klassenkampf, wenn es keine Gräfinnen mehr gäbe?

Ein weiteres Ziel des Klassenkampfes sind die alten Symbole der „Junker-Knechtschaft“ wie das Standbild des Feldmarschalls von Schwerin auf dessen altem Gut Schwerinsburg, nicht weit von Anklam, und das Geburtshaus Bismarcks in Schönhausen an der Elbe, das schon halbverfallen ist und demnächst abgerissen werden soll. Schwerin war lange Jahre preußischer Gesandter in Petersburg, und was Bismarck betrifft, so sagte der frühere sowjetische Außenminister Schepilow vor nicht langer Zeit: „Bismarck – Berliner Kongreß – 1878 – ein guter Jahrgang.“

Mit ihrem klassenkämpferischen Eifer gegen die „von Schwerins und Bismarcks“ machen sich Ulbricht und Genossen sogar in Moskau lächerlich. Wo aber, wenn nicht dort, können sie überhaupt noch hoffen, ernst genommen zu werden? Nehmen die sowjetzonalen Klassenkämpfer die alte Gräfin und ihre Zigarren vielleicht deshalb so ernst, weil sie fühlen, wie wacklig der Stuhl ist, auf dem sie sitzen?