Selten hat ein Strafprozeß das Interesse der Öffentlichkeit so sehr erregt, wie der Fall Dr. Adams. Dies liegt zunächst daran, daß es sich um einen einzigartigen Vorgang handelte; aber für die deutsche Leserschaft trat neben dem ungewöhnlichen Gegenstand der Anklage bald die Eigenart des Prozeßverlaufs, insbesondere das „Duell“ zwischen Ankläger und Verteidiger in den Vordergrund. Dabei erregte von Tag zu Tag größeres Aufsehen die Meisterleistung des Verteidigers Lawrence, der mit geschliffener Dialektik einen Stein nach dem anderen aus dem sorgfältig errichteten Gebäude der Anklage herauszubrechen unternahm; fast an jedem der 17 Tage sorgte er für eine neue Überraschung.

Dr. Adams ist freigesprochen worden. Es ist bemerkenswert, daß dies Ergebnis ohne weiteres seinem Verteidiger zugeschrieben wird. Bei einem Vergleich zwischen dem britischen Strafverfahren und dem unseren stellt sich die entscheidende Frage, wie es bei uns wohl um einen Arzt bestellt gewesen wäre, hätte er sich auf Grund derselben Verdachtsmomente vor einem deutschen Schwurgericht verantworten müssen. Ist es etwa so, daß der Verteidiger Lawrence seinen Erfolg in erster Linie der virtuosen Handhabung einer Verfahrenstechnik verdankt? Würde dies auch einem deutschen Anwalt gleichen Ranges vor einem hiesigen Gericht möglich gewesen sein? Der Prozeßverlauf ist kaum verständlich, wenn man nicht zum mindesten mit der grundlegenden Verschiedenartigkeit beider Rechtssysteme vertraut ist.

Es ist uns zunächst als bemerkenswert erschienen, daß Dr. Adams selbst – von der kurzen Antwort auf die stereotype Frage, ob er sich für schuldig oder nicht schuldig bekenne, abgesehen – vor Gericht zur Anklage mit keinem Wort Stellung genommen hat. Er konnte zur Aussage nicht gezwungen werden. Ist es schon bezeichnend, daß unser Gesetz im ersten Verfahrensabschnitt die Vernehmung des Angeklagten ausdrücklich vorsieht, so ist dem Weigerungsrecht des Beschuldigten in England ein geradezu institutioneller Charakter verliehen. Kein deutscher Richter würde einen Angeklagten darauf hinweisen, daß es ihm zu schweigen freistehe, der englische pflegt ihn dahingehend zu verwarnen, daß alles, was er etwa freiwillig zu seiner Verteidigung vortragen werde, „als Beweismittel in Betracht“ komme. Darum ist es verständlich, daß bei uns ein Angeklagter eher als in England befürchtet, sich durch betontes Stillschweigen von vornherein verdächtig zu machen.

Dem deutschen Leser ist aufgefallen, daß sich der Prozeß fast ausschließlich zwischen Ankläger und Verteidiger abgespielt hat. Wir kennen nichts anderes, als daß die gesamte Verhandlungsführung, vor allem gerade die erste Vernehmung der Zeugen, in der Hand des Richters liegt. Es ist ihm überlassen, auch von sich aus Maßnahmen zu ergreifen, die der objektiven Wahrheitsfindung, der Aufklärung des Sachverhalts dienlich sind.

Im Falle Dr. Adams handelte es sich um die Auseinandersetzung zwischen zwei Parteien: hier der Ankläger, dort für seinen Mandanten der Verteidiger. Richter Devlin und die Jury hatten entgegenzunehmen, was ihnen zur Urteilsfindung von beiden Seiten vorgetragen wurde. Wenn es die Anklagebehörde für richtig hielt, Dr. Adams, des Mordes verdächtig, vor Gericht zu bringen, so war es allein ihre Sache, die Verdachtsmomente zusammenzutragen und den Beweis zu führen. Mit einer Unterstützung des Gerichts durfte sie dabei nicht rechnen.

Diese echte Parteistellung der beiden Kontrahenten auf der Grundlage voller Gleichberechtigung gibt der englischen Strafverhandlung das eigentliche Gepräge. Aber auch die Unabhängigkeit des Gerichts trägt eine besondere Note: Sie schließt die Garantie jeglicher Unvoreingenommenheit ein. Wenn das Gericht am ersten Sitzungstag den Saal betritt, ist ihm nur der Anklagetenor bekannt. Das Urteil beruht ausschließlich auf Beweis und Gegenbeweis, wie sie in der Verhandlung erbracht werden. Gewiß ist auch bei uns das Ergebnis der Hauptverhandlung entscheidend; der Richter ist aber bereits mit dem gesamten Aktieninhalt, aus dem die Anklageschrift den Beteiligten das wesentliche Ergebnis der vorgängigen Ermittlungen unterbreitet, also auch schon mit den Belastungsmomenten vertraut. Aus dem ersten Aktenblatt hat er dabei erfahren, ob der Angeklagte mit Vorstrafen belastet ist, zu denen er die entsprechenden Aktenvorgänge herangezogen und eingesehen hat, während der englische Staatsanwalt sich sorgfältig hüten muß, vor dem Schuldspruch eine Vorstrafe zu erwähnen. So wird in England die Notwendigkeit, daß der Angeklagte zunächst als unschuldig zu gelten hat, nicht nur als Rechtssatz proklamiert, sondern auch praktisch strikt befolgt. Es ist hierfür übrigens bezeichnend, daß man auf Grund der Erfahrungen aus dem Prozeß des Dr. Adams dazu übergehen wird, die Verhandlung vor dem Niedergericht, die bei schwerwiegenden Anklagen der entscheidenden Hauptverhandlung vorangeht, geheimzuhalten, um die Berichterstattung der Presse und damit jede nur denkbare vorgängige Beeinflussung des Obergerichts auszuschalten.

Es ist zur Hauptsache dieses Prinzip, das der Verhandlung auch ihre eigentümliche „Atmosphäre“ verleiht. Ungewöhnlich erschien uns die „Nonchalance“, mit der Staatsanwalt und Verteidiger die Klingen kreuzten; die fast den Anschein von Desinteresse erweckende Gelassenheit, ja, die kaum vernehmbare Stimme von Mr. Lawrence, die mit insularer Höflichkeit auch die peinlichsten Fragen stellte. Sein Gegner, Staatsanwalt Munningham, war sich ebenfalls bewußt, daß es nur den Eindruck einer schwachen Position hervorrufen würde, wenn er seine Anklage etwa mit hohem Pathos in den Saal schmetterte. Der Vorwurf des Mordes gehörte nur zu seinem dienstlichen Aufgabenbereich; darüber hinaus hatte Dr. Adams auch für ihn zunächst als ehrenwerter Mann zu gelten. Dessenungeachtet pflegen aber beide Parteien ihre Ziele mit geradezu sportlichem Wetteifer zu verfolgen.