In der Aufführung des „Wozzeck“ brummte ein Herr, der in der Pause das Freie suchte, entrüstet seiner Dame zu: „Schweinerei!“ Allerdings, wer Puccinis Luxusmusik meint, wenn er sich Opernliebhaber nennt, dem muß sich angesichts schöpferischer Größe das Fell sträuben. Und was ich in der Kunst nun einmal nicht verstehen kann, das seh’ ich als ein künstlerisches Verbrechen an ... Zwei Tage darauf folgte in dieser Alban Berg-Woche, welche die Hamburger Staatsoper mit hervorragenden Aufführungen feierte, die unvollendete Oper „Lulu“. Das ist wohl noch ein härterer Brocken als „Wozzeck“. Daß hier niemand „Schweinerei“ brummte, lag daran, daß ein sachverständiges Publikum versammelt war. Es gab starken und anhaltenden Beifall. Die anderen aber, denen Bergs Musik eine „Schweinerei“, aber Puccinis Musik keine „Schlagsahne“ ist, mögen, bedenken, daß ein Theaterinstitut von Rang immer wieder große Aufgaben braucht, an denen es diesen Rang bestätigen kann. Sonst erstickt der Impuls im beliebten Programm der Konvention, und sogar die Schlagsahne wird sauer.

Bei der Aufführung der „Lulu“ war die Witwe des Komponisten anwesend, in dessen Ehe es nie Trübungen, Entfernungen, sondern nur Liebe gegeben hat, ein Ineinanderverwoben-Sein von schier legendärer Innigkeit. Im Zusammenhang mit „Lulu“, dem Wedekindschen „süßen, wilden Tier“, das die Männer lockt und tötet, bis „Jack, the Ripper“ ihr den Bauch aufschlitzt, muß man die Reinheit des Bergschen Lebens und Liebens erwähnen: „Lulu“ war für ihn eine Naturkraft, ein Elementarwesen, in dem nichts Gutes steckt, nichts Böses: eine moderne Undine ohne Romantik.

Alban Berg hat die „Lulu“-Partitur dem verehrten Arnold Schönberg zu dessen 60. Geburtstag gewidmet. Dies bringt die beiden einander nahen Namen noch näher in Zusammenhang. Aber was August Halm einmal für die Brücknersche Nachfolgeschaft Wagners nachwies, nämlich daß der Meister Anton zwar das Orchester des Bayreuther Magiers übernahm und doch unversehens den übergesteigerten Instrumentenklang auf das natürliche Maß zurückführte (die Trompeten schmettern, die Klarinetten quinquilieren wieder), das trifft je in weitaus höherer Weise auf das Verhältnis Schönberg und Berg zu. Die gleiche Tonsprache, das gleiche System der Schönbergschen „Reihen“. Aber was bei Schönberg, dem großen Revolutionär, Zerstörer und Erbauer, sooft als intellektuelle Konstruktion erscheint, wird bei Berg als reines, intuitives Schöpfertum deutlich. Berg, der Edle, Noble, Warmherzige, der liebende und mitleidende Mensch, läßt das rote, lebendige Blut einströmen in die neuen Formen der Musik. Heute noch nennt man Schönberg den Größeren. Vielleicht wird man morgen sagen, daß Berg die Steigerung von Schönberg sei. Jener ist der Prophet, der das Neuland sah, der Eroberer, der es kultiviert, dieser aber, der 50jährig 1935 starb, der Meister, der darin wohnte. Weder im „Wozzeck“ noch in „Lulu“ ist auch nur ein Takt, der leer wäre, es sei denn der Ausdruck einer gewollten, bewußten „leeren“ Einsamkeit und Trauer. Bergs Musik trifft so sehr den „Nero der Dinge“ aus echter Intuition, daß demgegenüber das „Handwerkliche“ zurücktritt: all die verschiedenen, zum Teil auf klassischen Vorbildern beruhenden musikalischen Formen, die nahtlos ineinander verwoben sind. Möglicherweise wird man es schon in naher Zukunft der Hamburger Staatsoper, dem Regisseur Rennen, dem Dirigenten Ludwig als ein geschichtliches Verdienst anrechnen, das Genie Alban Berg so eindrucksvoll demonstriert zu haben, daß seine beiden Opern fortan nicht nur als Ehrengäste im Programm der Bühnen erscheinen.

Theo Otto, der Bühnenbildner, hatte den Wedekindschen Jugendstil mit roten Plüschsesseln gebaut, darüber eine Zirkuskuppel; er hatte im Stile Toulouse-Lautrecs Plakate gemalt: die ersetzten (nach einer vortrefflichen Idee Rennerts) die Filmstreifen, die nach dem Plan Alban Bergs die noch unvollendeten Stücke der Oper zusammenraffen sollten. „Lulu“ war Helga Pilarczyk: dämonisch, schlank und schillernd schön, im Spiel wechselnd zwischen schlangenhafter Beweglichkeit und seelenloser Starre; sie sang, als sei es ein Kinderspiel, Baß zu singen. Mit klarer, heller, um keine Schwingung getrübter Tonreinheit. Toni Blankenheim war der Dr. Schön und verfügte über genauso viel sängerische wie schauspielerische Tugenden. Dazu die übrige Garde, die sich wohlfühlt, wenn Rennert (heute leider nur als Gast) Regie führt: Gisela Litz, Kurt Ruesche, Ratho Delorco, Siegmund Roth, Mathieu Ahlersmeyer und viele andere.

Übrigens: Man kann alle Sorgen um „Starflucht“ verstummen lassen. Man kann die echten Künstler „bei der Stange halten“, ob sie Regisseure, Kapellmeister oder Sänger sind, indem man ihnen – wie es Heinz Tietjen soeben als Hausherr der Staatsoper getan – außergewöhnliche Aufgaben stellt. In diesen Momenten erkennt man, was einer ist: ein Star, der im Flugzeug oder Schlafwagen nach Geld und Ruhm strebt, oder ein Künstler, der dort wurzelt (und sei es nur für die dazu notwendige Zeit), wo sich ihm ein echtes und großes künstlerisches Ziel erfüllt. J. Müller-Marein