Der Mann aus der Lämmerstraat, von dem das norddeutsche Volkslied singt, muß ein Demokrat sein. Denn er „kann maken, wat hei will“. Bekanntlich machte er ein „Viggelin“. Ob er mit diesem Instrument öffentliche Ruhestörung erregte, wird in dem Volkslied nicht berichtet. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ aber berichtet, daß die Demokraten aus Düsseldorf, Duisburg und Mülheim öffentlichen Anstoß erregen, weil sie in einem großen Walde, der zwischen ihren Städten liegt, machen, was sie wollen. Sie spazieren über Pflanzungen, treten Zäune nieder, ruinieren mit ihren Autos die Schonungen, schmettern Flaschen gegen die Bäume und haben es so weit gebracht, daß ein bestimmtes Waldstück in zehn Jahren siebenmal neu aufgeforstet werden mußte und nun als Ödland liegengelassen wird.

Tja, müssen da – in Dreideifelsnamen – nicht neue Verordnungen, neue Gesetze her? Sollte man den Wald nicht sperren? Muß man den Förstern nicht Erlaubnis geben, jeden zu verhaften, der sich so aufführt? Brauchen wir nicht vielleicht Spezialgefängnisse für Waldfrevler? – Jeder hat die Demokratie, die er verdient. Führen die Bürger sich wie die Wilden auf, dann wird man eines Tages feststellen, daß die normalen Gesetze nicht mehr ausreichen. Viele kleine Schritte, und aus der Demokratie wird die „Volksdemokratie“, in der die Menschen dann alles tun müssen, was nach der Ansicht der Aufseher dem Walde frommt. Und da im volksdemokratischen Walde weitaus mehr Aufseher hinter den Bäumen stehen, als Förster in einem Forst, der einem Privatmann gehört, herrscht bald soviel Ordnung, daß es mit dem Naturvergnügen des einzelnen schnell dahin ist.

Wie kann der Demokrat sich gegen solche Gefahren wehren – er, der, wie der Mann aus der Lämmerstraat, die Freiheit auf sein Panier geschrieben hat und machen kann, wat hei will? Er kann sich seiner Freiheit wehren, indem er die fremde Freiheit respektiert, und sei es nur darum, daß Bäume und Sträucher so frei sein mögen, ein bißchen zu wachsen. Irgendwoher muß das Holz ja kommen, aus dem in Städten und Dörfern an den Feldern und Wäldern die Verbotsschilder geschnitzt werden, aus deren täglich wachsender Zahl wir ablesen können, wie es um unsere Fähigkeit bestellt ist, im Alltag Demokraten zu sein... Jan Molitor