I.

Vor Beginn des ersten Weltkrieges wurde sie die sehr junge Frau eines schon alternden Mannes, der Besitzer von Bergwerken und Industrieanlagen war. In einem seiner Werke arbeitete ein deutscher Kriegsgefangener. Sie verliebte sich in ihn, und als Revolutionäre des vierten Kriegsjahres den Mann erschossen hatten, flüchtete sie mit dem Deutschen nach Berlin. Dort heirateten sie. Der zweite Weltkrieg machte sie endgültig zur Witwe, sie gab ihr großes Haus auf, nahm in einer Stadt Zuflucht, die sie schon ein Jahr vorher für eine längere Zeit aufgesucht hatte, und hier lernte ich sie nach meiner Rückkehr aus der Lagerhaft kennen. Sie hat mir diese Geschichte erzählt. Da sie noch lebt, muß ich die örtlichkeit der Geschichte verlegen. Die Vorgänge stimmen aber genau mit der Wirklichkeit überein, und gerade das gibt ihnen zum Schluß, wenn man nicht den gar zu bequemen Rückzug auf den sogenannten Zufall nehmen will, den Glanz des überaus Merkwürdigen und beinahe Unwirklichen.

II.

Das kleine Fräulein war Tochter auf einem der Gutshöfe in Estland. Ihre Erziehung lag in den Händen von zwei unverheiratet gebliebenen älteren Schwestern der Hausfrau, und bei dem geselligen Leben der Familien in dieser Landschaft waren sie oft mit der Kleinen allein. Daß besonders während dieser Tage die frühere Amme, Lisbet, jeden Schritt des Herrenkindes mit äußerster Wachsamkeit begleitete, war beschwerlich, aber nicht zu ändern. Sie gab zu erkennen, daß jede Sorge außer der ihren nicht nur unnötig, sondern dem Kinde zum Schaden sei und also abgewehrt werden müsse. So blieb sie immer in seiner Nähe, und wenn niemand anders zugegen war, erzählte sie von dem, was sie selbst in ihrer Kinderzeit zu Hause gehört hatte. Sie hielt das für eine Abschirmung gegenüber dem vielfältigen Unheil, das nach ihrer Angabe überall auf der Lauer lag. Ermahnungen, das empfindliche Gemüt der ihr Anvertrauten nicht mit Vorahnungen und ähnlichen Flunkereien zu belasten, nützten nichts. Sie schwieg mit düsterem Gesicht und fügte sich der Anweisung, aber nur vorläufig. Bei alledem wußten die Schwestern, daß niemand das Kind mehr lieben könne, auch die Mutter nicht, die deshalb auch immer für Lisbet eintrat, wenn deren Art der Fürsorge als unzulänglich bezeichnet wurde.

Zu ihrem Entsetzen, aber zur großen Freude der Schwestern fuhr an einem Nachmittag Bruder Michael auf dem Hof ein. Der Winter hatte angefangen und er kam in seinem Schlitten. Er kam in diesem Jahr früher als gewöhnlich auf Verwandtenbesuch, mit dem fröhlichen Lärm, den er immer um sich herum verbreitete. Beim Aussteigen rief er nach dem Schwager, und als er hörte, daß dieser mit der Frau und den drei Söhnen bei einigen Nachbarn Einkehr halte, umarmte er die Schwestern, und dann fragte er nach der Nichte. Lisbet hatte sie beim Herannahen des Schlittens in das Kinderzimmer gebracht und stand nun vor der Tür. Er schob sie freundlich beiseite, trat ein, betrachtete die Kleine gerührt, küßte sie und begab sich wieder hinaus. „Sie macht sich“, sagte er zu den Schwestern. „Euer Verdienst ist das aber nicht, sie kann es selbst.“ Der Amme schenkte er ein großes Geldstück für gute Pflege, sie spuckte darauf und steckte es ein.

Beim abendlichen Gespräch zeigte es sich, daß Lisbets Entsetzen berechtigt gewesen war: Bruder Michael gab den Schwestern bekannt, er werde morgen mit der Kleinen in die Stadt fahren. Es handelte sich um die alte Universitätsstadt, die gern aufgesucht wurde. „Sie ist nun groß genug“, sagte er, „und wer anders als ich sollte die erste Reise mit ihr machen, da ihr es bisher versäumt habt? Ihr verzieht sie mit eurem tantenhaften Getue, sie hat aber Brüder, die schon wer weiß was unternehmen. Wie will sie sich gegen so viel Männlichkeit wehren, wenn wir sie nicht beizeiten ausführen?“

„Bist du deswegen gekommen, Bruder Michael?“