RH, Rendsburg

Wo mancher Rendsburger Hausvater heute noch in seinem Garten nach den kleinen Erdhäufchen Ausschau hält, die ihm die ersten Spargel ankündigen, werden in einigen Monaten bedeutend größere Erdhaufen aufgeworfen sein. Dann aber wird unser Rendsburger Hausvater nicht mehr hier wohnen. Er und etwa dreißig andere Bürger der kleinen Stadt am Kaiser-Wilhelm-Kanal werden bis dahin ihre Häuser und Gärten geräumt haben; sie werden neue Häuser bewohnen und neue Gärten bebauen. Sie alle, Genossen eines gemeinsamen besonderen Schicksals, haben vorläufig gemeinsam erst einmal einen Namen bekommen. Sie heißen die Tunnelgeschädigten oder Tunnelverdrängten.

Ungefähr dreißig größtenteils neue Einfamilienhäuser – und einige Wochenendbuden dazu – müssen geräumt werden, weil die Drehbrücke über den Kanal durch einen Tunnel ersetzt werden soll. Der geplante Tunnel wird ein Teil der bisherigen Bundesstraße 76 und der künftigen Europastraße 3 sein, die von Neapel bis Hirthals am Skagerrak führen soll. Ende August will man mit dem Bauen anfangen.

Bis dahin haben die Bürger, die am Eingang des zukünftigen Tunnels wohnen, Zeit, sich anzusehen, wo sie fortan wohnen wollen. Vorerst haben die Tunnelverdrängten ihre Ersatzansprüche an die Wasser- und Schiffahrtsdirektion Kiel gestellt. Wieviel aber von ihren Forderungen anerkannt wird, steht noch aus. Fest steht nur, daß drei Prozent für Abnutzung der Häuser abgezogen werden. Anerkannt jedoch wird wahrscheinlich, daß der Kubikmeter umbauten Raumes in den letzten sechs bis sieben Jahren von 45 DM auf 80 bis 82 DM im Preis gestiegen ist.

Den Tunnel bezahlt der Bund. Er kostet ihn rund dreißig Millionen. Der jetzt elf Meter tiefe Kanal, durch den 20 000 Tonnen große Schiffe fahren können, wird in absehbarer Zukunft für Supertanker auf 18 Meter vertieft werden müssen, weshalb der Tunnel vorsorglich schon 20 bis 25 Meter unter den Meeresspiegel gelegt werden soll.

Seit einem halben Jahr wohnt in einer Wilhelminischen Villa am Kanalufer die „Neubau-Abteilung Tunnel“. Von ihrer vorbereitenden Arbeit zeugen Sandhügel südlich des Kanals: Man macht Probegrabungen, um für die Ausschreibung der Bauarbeiten genaue Unterlagen über die Bodenbeschaffenheit geben zu können. Ferner sind Stangen mit rotweißen Markierungen hier und dort in die Erde gesteckt, an denen die Rendsburger erkennen können, wie die Tunneleinfahrten verlaufen werden.

Überlegungen mannigfacher Art sind für die Rendsburger – und nicht für die Tunnelverdrängten allein – mit dem großen Plan verbunden. Über den Kanal führt seit 45 Jahren (neben der Hochbrücke für die Eisenbahn) die berühmte Rendsburger Drehbrücke. Sie ist schuld, wenn ein von Süden über die Straße heimkehrender Einwohner nicht pünktlich zu Hause ankommt. Den heimatlichen Hafen schon vor Augen, hört er, wie ein Schiff sich durch dreimaliges Tuten anmeldet. Die Schranke geht nieder. Die Brücke teilt sich in der Mitte, ihre Hälften schwenken, halten parallel zur Böschung an, der Wasserweg ist frei. Hinter den rotweißen Schranken ziehen gemessen die Mastspitzen eines Schiffes entlang. 65 000 Schiffe passieren jährlich den Kaiser-Wilhelm-Kanal. Zwanzig Minuten höchstens soll, nach Vorschrift, die Brücke „ausgeschwenkt“ sein, aber Skeptiker sagen, es dauert oft länger.