Soll Herbert Wehner Vorsitzender des Ausschusses für Gesamtdeutschland bleiben? / Marion Gräfin Dönhoff

Als ein bekannter deutscher Historiker im Jahre 1949 aus der amerikanischen Emigration zurückkehrte, antwortete er auf die Frage, welchen Eindruck denn Deutschland nach so vielen Jahren der Abwesenheit auf ihn mache: „Ich habe das Gefühl, daß jeder ‚einen Knacks weg hat‘‚ die Nazis und auch die Antinazis.“

Damals traf diese Aussage den Nagel auf den Kopf. Inzwischen freilich hat das Fettpolster des „Wirtschaftswunders“ manche bloßgelegten Nerven wohltuend überdeckt. Nur noch gelegentlich – wie beispielsweise bei der Amnestie-Debatte im Bundestag, als der Abgeordnete Herbert Wehner ohne allen Grund den Innenminister Schröder mit Wyschinski verglich – tritt plötzlich wieder eine unerklärliche Gereiztheit und Erbitterung zutage. Erschrocken hält in einem solchen Moment jeder den Atem an; der Rheinische Merkur allerdings brachte es fertig, noch Tage später auf der Spur dieser unseligen Entgleisung weiterzufahren und der Absurdität des Vergleichs Schröder-Wyschinski den absurden Vergleich Wehner-Bormann an die Seite zu stellen.

Jeder, der sich mit der deutschen Innenpolitik beschäftigt, weiß, daß Herbert Wehner Mitglied der KP und zeitweise ihr hoher Funktionär war. Das war nie ein Geheimnis. Natürlich ist es eine Frage, ob es in unserer Situation des geteilten Deutschlands zweckmäßig ist, daß der Vorsitzende des Parlamentarischen Ausschusses für gesamtdeutsche Fragen ein ehemaliger Kommunist ist; aber es ist dies eine grundsätzliche Frage und nicht ein Problem, vor das wir durch irgendwelche überraschenden Enthüllungen gestellt worden wären. Als Kurt Schumacher seinen Freund Wehner, der damals außenpolitischer Redakteur des sozialdemokratischen Hamburger Echos war, in die vorderste Linie der Partei drängte, gab Wehner zu bedenken: „Die werden mich zerreißen.“ Darauf der eiserne Chef der Partei: „Du hast schon ganz anderes ausgehalten.“

Mit neun Jahren Geld verdienen

In der Tat, Wehner hatte schon ganz anderes hinter sich. 1906 geboren, war er acht Jahre alt, als sein Vater, der Schuhmacher Wehner, 1914 ins Feld rückte. Bald stellte sich heraus, daß die kränkliche Mutter allein nicht imstande war, die Familie durchzubringen, und ihr Sohn Herbert mußte mit neun Jahren als Laufbursche Geld verdienen. Später, nach dem Kriege, bekam er ein Ausbildungsstipendium für den Verwaltungsdienst und wurde getreu der väterlichen sozialdemokratischen Tradition Mitglied der Sozialistischen Arbeiterjugend. Mit 19 Jahren gab er eine linksoppositionelle Monatsschrift Revolutionäre Tat heraus, die ihm bald wegen eines Kommentars zur Hindenburgwahl ein Verfahren vor dem Reichsgericht eintrug. Wehner wechselte über zu Erich Mühsam, der bei der Münchner Räterevolution eine Rolle gespielt hatte, und half ihm bei der Herausgabe der Zeitschrift Fanal. Ein Jahr später, 1927, trat er der KP bei.

Dort avancierte Wehner rasch, und als die Wahlen im September 1930 die nationalsozialistische Gruppe im Reichstag von 12 Sitzen auf 107 anschwellen ließ, war er bereits stellvertretender politischer Sekretär der sächsischen KP und mit 24 Jahren Landtagsabgeordneter in Dresden. Verzweifelt und vergeblich kämpfte er für eine gemeinsame antifaschistische, sozialistische Arbeiterpartei. Aber: „Die Kluft zwischen uns und den Sozialdemokraten war nicht zu überbrücken.“ Und während des großen Berliner Streiks kam die KPD, wie Wehner meint, „nicht nur in gefährliche Nachbarschaft zu den skrupellosen Demagogen der NSDAP, sondern bewies auch, daß sie nicht verstand, was die Stunde geschlagen hatte, nämlich, daß das Schicksal der Arbeiterbewegung davon abhing, ob es gelingen würde, eine Verständigung mit den Sozialdemokraten zum Kampf um die Verteidigung der Demokratie zu erzielen“.