Nun beginnt wieder das große Reisen. Wie Wandervögel werden die Tennisspieler aller Nationen in der Welt herumziehen, immer aber nach einem sorgfältig ausgeklügelten und von gut bezahlten Managern entworfenen Terminplan. Denn mehr als für irgendeinen anderen „Beruf“ bedeutet für den Tenniscrack die Zeit Geld. Gewiß – sie sind alle Amateure, aber nach einem Codex eigener Art, der ihnen gestattet, zu nehmen, was immer zu bekommen ist. Die rechte Hand darf niemals wissen, was die linke tut, und ein kleines Augenzwinkern genügt meist, auch den hartgesottensten Klub-Schatzmeister an seine „Pflicht“ zu erinnern. Denn Schmiergelder sind schon zur Pflicht geworden, wenn die Veranstaltung nicht ohne die Hauptattraktion über den Rasen gehen soll.

An das Ammenmärchen vom vornehmen weißen Sport, den nur Kavaliere ausüben, glaubt’schon lange kein Mensch mehr. Der Gentleman kam auf den Hund. Seit Jahrzehnten schon erhielten die Wimbledon-Teilnehmer Gutscheine, für die sie sich bei den ersten Juwelieren Londons Wertsachen nach Geschmack aussuchen konnten. In anderen Ländern, wo nicht so strenge Sitten herrschen wie im Mutterland des Sports, gab man der Einfachheit halber bald Barschecks und kümmerte sich nicht mehr um Amateurgesetze. Bei den Olympischen Spielen wollte man wenigstens den Schein wahren und verbannte den weißen Sport, ohne daß diese Verbannung jedoch einer Verurteilung gleichkam. Die Bestimmungen bleiben bestehen, nach denen auch heute weder in Wimbledon noch im Davis-Cup Berufstennisspieler auftreten dürfen, die internationalen Centre Courts sind also dem Buchstaben nach noch immer Tummelplätze reinster „Amateure“.

Das Geld, das sie um die Teilnahme an den Olympischen Spielen gebracht hat, hat aber anscheinend auch ihren Charakter verändert. Sowohl auf den Turnierplätzen als auch in Hotels und Klubhäusern fühlen sie sich weder einem Sittennoch einem Ehrenkodex unterworfen. Der Exiltscheche Drobny, der Australier Hoad, der Schwede Davidson, der Österreicher Huber – ihre „Taten“ sind schon durch die Weltpresse gegangen – sind enfant terribles des vornehmen Sports geworden. Erst im vergangenen Jahre kam es bei den Internationalen Deutschen Meisterschaften in Hamburg zu recht unliebsamen Publikumsäußerungen, als sich der Weltmeister Hoad kraß danebenbenahm.

Die „pöbelhaften Gebräuche“ auf den internationalen Turnierplätzen haben nun einen Schweizer Kritiker veranlaßt, dringend einen Knigge für Tennisspieler zu fordern. Als pöbelhaft bezeichnet er das übliche Nörgeln und Fluchen über Schiedsrichterentscheidungen, das wutentbrannte Fortschleudern des Tennisschlägers und im besonderen Maße das private Verhalten der Cracks in Hotels und Klubhäusern. Einst hieß es in den großen Hotels der Kurorte: Die Tennisleute kommen, das ist nett. Junge Sportler bringen Stimmung ins Haus ... Heute hört man fast überall: Wann fährt die Bande wieder ab.

Es fallen schon viele Turniere aus, weil ihre Veranstalter diesen Ärger nicht mehr haben wollen. Der Schweizer Tenniskritiker hielt es für unbedingt notwendig, sehr schnell einen Knigge oder, zeitgemäßer ausgedrückt, einen Pappritz für das reisende Tennisvolk herauszugeben. Auf Grund einer genauen Kenntnis der Sachlage schlägt er die folgenden, Bände sprechenden „Zehn Gebote“ vor:

1. Du sollst den Schläger nicht ins Gitter werfen.

2. Du sollst nicht fluchen und lästern.