Von allen in den Jahren nach dem Kriege durch Teilung oder künstliche Grenzziehungen neugeschaffenen Staaten ist Pakistan vielleicht das seltsamste Gebilde: Ein Staat, der aus zwei Teilen besteht, die 1500 km voneinander entfernt liegen – verbunden nur durch ihren Hauptgegner Indien – und die noch nicht einmal über eine gemeinsame Sprache verfügen. Wie in Indonesien beginnen sich nun auch in Pakistan zentrifugale Kräfte bemerkbar zu machen, nachdem die gemeinsam bekämpfte Kolonialmacht in beiden Ländern von der Bildfläche verschwand.

Karachi, im April

Während Gunnar Jarring zum zweitenmal mit den Regierungen in Karachi und New Delhi über das strittige Kaschmirproblem verhandelt, ist ein Ereignis eingetreten, das für Suhrawardi, den pakistanischen Regierungschef, eine schwere Belastungsprobe darstellt. Die Länderversammlung im 1000 Meilen entfernten Dacca, der ostpakistanischen Hauptstadt, hat mit allen Stimmen beschlossen, von der Zentralregierung die provinzielle Autonomie zu verlangen. Das bedeutet, daß sich rund 50 Millionen Menschen dieses unglückseligen künstlichen Staatsgebildes Pakistan vom westlichen Schwesterland und dessen Aufsicht loslösen wollen. Nur drei Rechte sollen von Karachi weiterhin ausgeübt werden: gemeinsame Außenpolitik, Verteidigung und Währungspolitik.

Die Bevölkerung Ostpakistans fühlt sich zurückgesetzt. Sie wirft der Zentrale in Karachi vor, daß sie in den neun Jahren, die seit der Gründung des Staates vergangen sind, nur etwa ein Fünftel der Gesamtausgaben für die wirtschaftliche Entwicklung des übervölkerten und bettelarmen Teilstaates bekommen haben. Dabei ist gerade dieser Teil des Landes der eigentliche Devisen-Verdiener, – dank des Jute-Anbaues. Eine andere Klage der Ostpakistaner ist, daß sie bei der Vergebung hoher Posten in der Zivilverwaltung übergangen worden seien und dies, obgleich doch Premierminister Suhrawardi aus Bengalen stammt.

In Karachi kann man diese Mißstände kaum leugnen. Aber dort hat man alle Hände voll zu tun, um das täglich geringer werdende Ansehen der Regierung aufrechtzuerhalten. In Westpakistan wollen sechs Provinzen sich selbst verwalten. Staatspräsident Iskander Mirza hat diese Entwicklung mit der Presidents Rule, dem Ausnahmezustand, einstweilen unterbunden und damit die parlamentarische Demokratie in Pakistan außer Kraft gesetzt, die ihre ersten Bewährungsproben noch gar nicht bestanden hatte; denn in Pakistan hat seit der Trennung von Indien noch keine Wahl stattgefunden. Solche Maßnahmen können jedoch nur eine Weile ihren Zweck erfüllen. Entsprechend dem physikalischen Gesetz vom Druck, der stets den stärkeren Gegendruck erzeugt, werden die Forderungen der Massen sich mit der Zeit dennoch ihren Weg bahnen.

Die Vorwürfe Ostpakistans zielen darauf, nicht nur legitimer Partner der föderalen Staatenunion zu sein, der von der Gunst der zentralistischen Kräfte abhängig ist, sie wollen auch Nutznießer der Eisenhowerschen Dollarmillionen sein, um das große Elend zu beseitigen, das in dem übervölkerten Bengalen seit jeher politischen Zündstoff geschaffen hat und täglich mehr die wirtschaftliche Existenz des Landes gefährdet.

In Karachi hat diese Forderung wie eine Bombe eingeschlagen. Die Hoffnung gewisser Kreise, daß die geforderte provinzielle Selbständigkeit, die ja nach der Verfassung nur durch eine Zweidrittel-Mehrheit aller (also auch der ostpakistanischen) Stimmen des Parlaments nicht Zustande kommen wird, ist nur ein schwacher temporärer Trost. Ohne Zweifel hat der Vorstoß Ostpakistans dem ohnehin schwachen Suhrawardi-Regime einen schweren Schlag versetzt.

Hans-Wilfried v. Stockhausen.