Schalom Asch’s Buch über Jesaja

Nach der biblischen Zeittafel geschah in den vorchristlichen Jahren 597 die erste und 586 die zweite „Wegführung nach Babel“ – Wegführung der Bevölkerung Jerusalems nämlich nach der Eroberung der Stadt durch Nebukadnezar. 50 Jahre danach, gestattete der Perserkönig Kyros, der inzwischen die Stadt Babylon erobert hatte, den gefangenen Juden die Heimkehr nach Jerusalem; er gab ihnen auch die Tempelgeräte und Opfergefäße zurück, eine ebenso kostspielige wie politisch kluge Geste gegenüber dem geheimnisvollen obersten Kriegsherrn dieses Volkes, der der Herr des Himmels und des Erdkreises genannt wird. Das verlassene Jerusalem war in der Zwischenzeit ein Ort des Grauens und der Verödung geworden. Die wenigen zurückgebliebenen Juden, arme Leute zumeist, die gesellschaftlich keine bedeutende Rolle gespielt hatten, waren in die Berge geflüchtet, wo sie ein kärgliches Leben fristeten. Dort wuchs auch der junge Gottbesessene heran, der in dem biblischen Roman von:

Schalom Asch: „Der Prophet“, Diana Verlag, Stuttgart-Konstanz, 409 S., 18,80 DM.

Jesaja genannt wird. Seine Gesichte und die Stimme des Herrn treiben den jungen Mann nach Babylon, um in den Verbannten die Sehnsucht nach Jerusalem anzufeuern und die alten Verheißungen Jahwes an das Volk Israel, mit neuem Sinn erfüllt, zu verkünden. Er sieht in König Kyros ein Werkzeug des Herrn, spannt jedoch seine Erwartungen zu hoch und stürzt in tiefe Seelennot, als sich Kyros öffentlich zu den Göttern Babylons bekennt. Der Prophet – in diesem Buch getreu nach der konventionellen Vorstellung geschildert, die in einem Propheten einen von Visionen, Gesichten und Gotteserkenntnissen heimgesuchten asketischen Menschen von hagerer Gestalt mit loderndem Blick sieht – der Prophet überwindet seine „Niederlage“ durch tiefere Hingabe an Gott, die ihm neue Einsichten in die Pläne Jehovas schenkt: Eine gewaltige Vision von dem Leidensweg des Gottesvolkes und seiner messianischen Sendung.

Die Bibel erzählt von nur einem Propheten Jesaja, aber die zweite Hälfte des nach diesem Propheten genannten Buches übertrifft die erste an Sprachgewalt und Großartigkeit so erheblich, daß die Annahme Schalom Asch’s, es habe zwei Männer dieses Namens gegeben, einleuchtet. Diese zweite Hälfte enthält auch die dem Christentum so geläufige Darstellung des Messias als „Schmerzensmann“, und es scheint das besondere Anliegen Schalom Asch’s gewesen zu sein, diese Idee von der Erlösung der Welt durch das Leiden Erwählter anschaulich zu machen. Thomas Mann hat in seiner Josephstrilogie mit den modernen Mitteln der Detailschilderung und der Psychologie nicht minder „erhabene“ biblische Gestalten in brennende Nähe gerückt, ohne doch ihre geschichtliche Gebundenheit in fremden Lebensformen zu sprengen. Schalom Asch’s vor genauer Kenntnis der historischen Tatsachen getragenes Buch, das ergreifende, aber auch etwas kindlich anmutende Schilderungen des Lebens in Babylon enthält, krankt an der Größe seiner tragenden Idee. Sie nämlich schreit nach Versen, nach der Ballade. Sie verlangt eine Form, in der das Wort – ungehindert von der peinlichen Notwendigkeit des Romans, die Lage, die geschichtliche Situation zu erklären – pathetisch-volltönend dahinströmen darf. Johanna Moosdorf