Berlin, im April

Nach monatelanger propagandistischer Vorbereitung hat die Staatsjugendorganisation der Sowjetzone, die FDJ, jetzt durch ihren Zentralrat den Entwurf eines Hochschulprogramms vorgelegt, der bis Ende Juni „zur Diskussion gestellt“ bleiben soll; bei Beginn des nächsten Studienjahres soll er dann „beschlossen“, das heißt Gesetz werden. Die Vorbereitungen hatten insgesamt Sprachkraft und Motto jenes Briefes, den der Schlosser Heinrich Eisel aus Dresden als „Offene Worte eines parteilosen Arbeiters an einige Studenten“ richtete und der vor wenigen Wochen in der Sächsischen Zeitung zu lesen stand: „Studenten, laßt euch gesagt sein: Ihr alle werdet gefördert, wenn ihr fleißig studiert. Wer aber gegen uns ist, kann nicht erwarten, daß wir ihm zweimal verzeihen. Wir werden ihn von der Schule nehmen, damit er Gelegenheit findet, das harte Studium an der Technischen Hochschule mit harter Arbeit in einem Produktionsbetrieb zu vertauschen.“

In ähnlicher Weise hatte Horst Wilcke von der VEB-Wälzlagerfabrik in Berlin an die Studenten der Veterinärmedizinischen Fakultät geschrieben, als sie eine Studentenversammlung als Protest gegen die Teilnahme von Arbeitern verlassen hatten; er sah darin „eine Beleidigung der Arbeiterklasse“ und schrieb: „Überlegt euch einmal, wie es aussehen würde, wenn wir von der Regierung forderten, daß nur diejenigen Stipendien erhalten, die sich mit uns an einen Tisch setzen!“ So war denn auch die Anregung, die Zulassung zum Studium vom Verlauf eines Jahres „werktätiger“ Arbeit in volkseigenen Betrieben abhängig zu machen, nach Auskunft des Publizisten Stefan Heym zuerst bei Arbeitern des Leipziger Gaswerks aufgetaucht. Franz Dahlem, Hauptabteilungsleiter im Staatssekretariat für Hochschulwesen, gab sie zuerst im März auf einer Delegiertenkonferenz der FDJ an der Ostberliner Humboldt-Universität bekannt, und in dem jetzt veröffentlichten Hochschulprogramm der FDJ findet sie sich als interessantester Punkt der neuen „Verpflichtungen“ wieder. Dabei soll das eine Jahr im Produktionsbetrieb noch keineswegs die Garantie für die Zulassung zum Hochschulstudium geben; Studenten, die nicht unseren Weg gehen, können nicht erwarten, daß ihnen die Arbeiterklasse die Möglichkeit zum Studium gibt und wir sie an der Universität dulden. So steht es im FDJ-Programm, und schon vorher hatte Stefan Heym in einem Leitartikel der Berliner Zeitung geschrieben, daß es die Arbeiter seien, die „Kollegen im Betrieb, die auf Grund ihrer eigenen Beobachtungen ihr Urteil über den jungen Menschen abgeben und entscheiden werden, ob er auf die Universität kommt oder nicht“.

Von der Technischen Hochschule Dresden konnte ein SED-Dozent berichten, man habe bis vor kurzem die Ansicht vertreten, „daß vorwiegend Arbeiterkinder an die Hochschule kommen, und daß sie die Hochschule als Kleinbürger verlassen; heute wissen wir, daß ein Teil auch der Kinder unserer Arbeiter bereits mit kleinbürgerlichen Ideologien an die Hochschule kommt“. Viele Studenten, so wurde mehrfach in letzter Zeit geklagt, hätten gute Noten in Gesellschaftswissenschaft und doch sei „bei ihnen der Marxismus-Leninismus nur leeres Buchstaben wissen“ geblieben.

Die Studenten – das ist der Sinn des neuen FDJ-Programms sollen jetzt an eine feste politische Kandare genommen werden. Die FDJ selbst sucht ihre Position an den Hochschulen mit der Forderung zu kräftigen, daß FDJ-Vertreter in den Hochschul-Senaten, in den Räten der Fakultäten und in den Fachrichtungsleitungen Sitz und Stimme haben müßten. Zwar hat die Regierung der DDR nach dem stolzen Bericht des neuernannten Staatssekretärs für Hochschulwesen, Wilhelm Girnus, im vergangenen Jahre 152 Millionen DM für Stipendien ausgegeben und zahlt jährlich für jeden Studenten im Durchschnitt sechstausend DM. In Zukunft jedoch will sie diese Summen nicht mehr a fonds per da investieren und sich politische Sicherungen schaffen. Wobei indessen fraglich ist, ob nicht der enge Kontakt zwischen Arbeitern und künftigen Studenten, den das einjährige Betriebspraktikum vorsieht, den gegenteiligen Effekt haben wird, nämlich eine schon nicht linientreue Intelligenz mit der Unzufriedenheit der Arbeiterschaft zusätzlich zu infizieren, so daß die vermeintlichen Sicherungsparagraphen des Hochschulprogramms die Partei als Bumerang treffen.

Sabina Lietzmann