Die Phantasie ist das Paradies der Kindheit; doch ist dieses seltsame Paradies mehr mit Dämonen, Teufeln und Kobolden als mit Engeln bevölkert, und die Raubtiere unserer Ängste und Begierden zeigen sich nicht lammfromm. Warum also die eigene Kindheit immer wieder von Autoren heimgesucht und der erstaunten, ja oft bestürzten Mitwelt bis in die Fänge der Ungeheuer vorgeführt wird, ist wohl mehr durch psychoanalytische Erkenntnisse als durch schlichte Überlegungen zu ergründen. Freudespendend ist die Kindheit jedenfalls nur in erlesenen Fällen. Es zeugt schon von einem glückhaften Geschick, wenn ein Wunschbild sich wie im Fall:

Michelle Lorraine: „Schloß im Meer“, Roman. Aus dem Französischen von Oswalt von Nostitz. R. Piper & Co. Verlag, München. 11,80 DM

in bizarrer Form verwirklicht. Zu den Urwünschen jedes menschlichen Wesens gehört Freiheit, und es ist das Schiff, das uns am schnellsten dorthin zu tragen vorgibt. Die kleine Michelle besetzt und besitzt mit einer Schar kleiner Jungen ein abgetakeltes Kriegsschiff in einer bretonischen Bucht. Dank der Verwirklichungssucht und Intensität der Kinder bringen es die vier Jungen und das kleine Mädchen fertig, auf diesem rostigen Wrack eine Art Schiffsdisziplin durchzuführen mit Kapitän und Schiffsjungen, Matrosen und Passagier, wobei sie sich freilich bewußt bleiben, daß der Kommandant der Junge Pierrot und sein erster Offizier Klein-Jacques sind, der einzige Passagier aber Michelle. Weite Reisen werden unternommen, die Kinder sorgen für Proviant, und als Henri, der Neue, dazukommt, haben sie sogar einen dichtenden Matrosen, dessen wehmütiges Lied sie aus vollem Halse singen.

Gespenstisch und unheimlich wirkt das Spiel, wenn die Kinder eine Art Totenmesse auf dem Deck zelebrieren und dabei Kränze und Sträuße aus Heu ins Meer werfen: „Alle gestorbenen Seeleute“, sagte der Admiral. – „Behütet uns!“

„Magellan, F., berühmter portugiesischer Seefahrer ...“ – „Beschütze uns!“

„Kolumbus, Christoph, berühmter Seefahrer...“ Und die Kinder darauf im Chor: „Beschütze uns!“

Als das Schiff am Morgen nach seiner Sturmnacht sinkt, geht der kleine Kapitän, mit der roten Quaste an seiner Mütze, mit unter und mit ihm eine herrliche Kinderwelt. Doch noch als das Schiff schon nicht mehr existiert, bleiben die Kinder, die sich jeden Sommer in der Bretagne wiedertreffen, ihrem ertrunkenen Traum treu. Gewissensqual und Angst, die ihnen der Tod ihres Kapitäns Pierrot bereitete, werden weise von einem alten Matrosen in einem Bekenntnis zu ihrer Vergangenheit versöhnend aufgelöst.