Das von jeher eindrucksvolle Angebot in der Halle „Chemie und Kunststoffe“ auf der hannoverschen Messe wird in diesem Jahr noch verstärkt durch ausländische Firmen in Erscheinung treten. Neben 79 deutschen Firmen in dieser Halle werden diesmal auch Hersteller aus Kanada, Großbritannien, Dänemark, Schweden und der Schweiz vertreten sein. Daß sich die deutsche Chemie bereitwillig der internationalen Konkurrenz stellt, spricht für ihr Selbstvertrauen. Der steigende Export rechtfertigt ein solches Vertrauen auf die eigene Leistung. Es ist zwar von deutschen Firmen zu hören, daß sich die internationalen Wettbewerbsverhältnisse im vergangenen Jahr erneut verschärft hätten und daß der von den Märkten ausgehende Preisdruck fühlbarer geworden sei. Dennoch konnte die westdeutsche chemische Industrie ihren Export um weitere 15v.H. auf 3,9 Mrd. DM steigern. Damit hat der Export stärker zugenommen als der Gesamtumsatz der Chemie; denn hier beträgt die Zunahme gut 10 v. H., so daß sich der Gesamtumsatz 1956 auf 15,4 Mrd. DM belief.

Überdurchschnittlich zugenommen hat der Export von pharmazeutischen Erzeugnissen auf 348,5 Mill. DM. Die deutschen exportierenden Firmen glauben, daß diese Zunahme des Auslandgeschäfts um rund 25 v. H. vor allem darauf zurückzuführen sei, daß Qualität und Zuverlässigkeit westdeutscher Arzneiwaren immer stärker überzeugten. – Die Zahl der Beschäftigten in der westdeutschen Chemie ist im Verlauf des vergangenen Jahres um mehr als 17 000 auf insgesamt 395 000 im Januar 1957 angestiegen.

Starke ausländische Konkurrenz

Interessant ist, daß sich die meisten diesmal auf der hannoverschen Messe ausstellenden ausländischen Firmen dem Wettbewerb der deutschen Kunststoffindustrie stellen. Die westdeutschen Hersteller von Kunststoffen liegen mit ihrer Jahresproduktion 1956 von 505 000 t nicht nur in der Weltspitzengruppe; sie haben darüber hinaus auch die Ausfuhr beträchtlich um 22 v. H. gegenüber 1955 auf 363,4 Mill. DM steigern können. Die Kunststoff-Fachleute der ganzer Welt können nicht bloß auf einen raschen Aufstieg ihrer Industrie zurückblicken, sie prophezeien sich auch eine weiterhin günstige Zukunft. Auf der vor kurzem abgehaltenen 7. Deutschen Kunststoff-Tagung in Bad Pyrmont wurde davon gesprochen, daß etwa um das Jahr 1980 mit einer Welterzeugung an Kunststoffen von 15 bis 20 Mill. t gerechnet werden könne. Das wäre in knapp fünfundzwanzig Jahren eine Kunststoffproduktion, die etwa fünfmal so groß ist wie die gegenwärtige.

Diese beinahe phantastisch anmutenden Prognosen stützen sich keineswegs nur auf die Produktionsausweitung der vergangenen Jahre. Man besitzt in den Ergebnissen der Forschungsarbeiten bessere Pfänder auf die Zukunft. Es gibt immer noch genügend weiße Flecke auf der Landkarte der Kunststoffe zu entdecken.

Vorstöße in Neuland

Die kommende Messe wird erkennen lassen, daß zwei große Vorstöße in Neuland besondere Aufmerksamkeit verdienen. Die eine führt zu Verbindungen von Kunststoffen mit anderen Materialien. Eine der interessantesten Verbindungen dürfte die von Kunststoff und Glasfaser sein. Die in den Kunststoff eingelegten Glasfasern scheinen eine ähnliche Rolle zu spielen wie der Stahl beim Stahlbeton. Glasfaserverstärkte Kunststoffe ermöglichen es zum erstenmal, großflächig geformte Werkstücke, wie Autokarosserien, Boote, Badewannen, Wellplatten, Behälter und vieles andere mehr aus Kunststoff freizügig herzustellen. Den eingelegten Glasfasern verdanken die Kunststoffe überragende mechanische Eigenschaften bei geringem Gewicht. Der Abnehmerkreis von glasfaserverstärkten Kunststoffen reicht von der Elektroindustrie und den Automobilfabriken bis hin zu Möbeltischlern, Bootswerften und Zweigen des Handwerks. Es werden Kleinwagen in Serien mit Kunststoff-Karosserie gefertigt, weiter Spezialkarosserien, vor allem für Sportwagen und als Lastwagenaufbauten. Fachleute versprechen sich von der Verwendung dieser Karosserien erhebliche Gewichtsverminderungen und damit Einsparungen an Betriebskosten. Daneben einen verminderten Aufwand an Pflege.