Von J. Fischer

Die seit Monaten nicht mehr verebbende Auseinandersetzung um die Förderung unserer jungen Akademiker hat dieser Tage durch den Streik der rund 30 000 Ingenieur-Studenten des Bundesgebietes und Westberlins einen neuen Akzent bekommen. Wir nehmen das zum Anlaß, um auch unsererseits noch einmal das Thema aufzugreifen. – Unter der Überschrift „Mit weniger Geld geht es auch“ setzte in Nr. 11 der ZEIT vom 14. März Dr. Kurt Frey, Generalsekretär der Ständigen Konferenz der Kultusminister, den Forderungen der Studenten einige skeptische Einwände entgegen und stellte sich, kurz gesagt, auf den Standpunkt, daß es besser sei, sich auf die eigene Kraft, als auf die offene Hand des Staates zu verlassen. Dr. J. Fischers heutige Erwiderung auf diesen Artikel ist nicht zuletzt darum so beachtenswert, weil sie aus der Feder eines Mannes stammt, der, wie Dr. Frey, nach dem Kriege im Deutschen Studentenwerk mitgearbeitet hat und heute, wie Dr. Frey, Sekretär einer unserer besonders wichtigen Kulturinstitutionen ist, nämlich der Westdeutschen Rektorenkonferenz.

Ein rührendes Schauspiel zeigt sich in der Bundesrepublik: Seitdem die deutsche Studentenschaft für die Studentenförderung an Universitäten, Wissenschaftlichen und Fachhochschulen 120 Millionen Mark gefordert hat, erinnern sich alle Akademiker an ihre Jugendzeit. „Erfahrungen“ strömen den „jungen Leuten“ zu. Die Herren, die um 1920 die Reichsdarlehnskasse gegründet haben, sind der Ansicht, es ginge auch noch heute mit Darlehen allein. Dabei bleiben all die Fragen unbeantwortet, die mit der Verschuldung, den abgesunkenen Gehältern von Jungakademikern und vor allem mit dem dringenden Bedürfnis der Hochschulen zusammenhängen, endlich die Werkstudenten wieder in die Hörsäle zu bekommen. Statt dessen vertritt man die Ansicht, daß Studenten Stipendien gar nicht wünschten, wenn ihnen Arbeit und Darlehn angeboten würden; denn die Studenten empfänden selbstverantwortlich. Man beruft sich dabei auf eine anonyme „Erfahrung“. Endlich werden die Studenten noch darauf hingewiesen, daß der „Staat“ jährlich pro Student 1600 bis 1800 DM „zuschieße“ – ein Argument, dem die Frage entgegenzustellen ist, was denn die höhere Leistung des gut ausgebildeten Akademikers dem „Staat“ an Mehreinkünften verschafft.

Wo liegen die politischen Wurzeln des Problems? Nach den Forderungen der Bundesregierung, der Länderregierungen, aller Parteien, der Hochschulen und des Verbandes Deutscher Studentenschaften, also, aller Beteiligten, will man keine Subventionierung des Studenten im Sinne eines Studienhonorars, sondern man will eine Förderung. Die Geister scheiden sich erst an der Frage, ob es sich um eine Studentenförderung oder um eine Studienförderung handeln soll. Während bei der Studentenförderung vor allem der Gesichtspunkt der „Bedürftigkeit“ eine Rolle spielt, geht die Studienförderung mehr von der „Würdigkeit“ aus; handelt es sich dort um die Unterstützung des Studenten bei seiner Lebenshaltung, so hier mehr um eine Unterstützung der Hochschulen bei der Ausbildung Begabter.

Hier liegt der Grund für die Politisierung des Problems: Die SPD zielt auf die soziale Hilfe für den einzelnen und auf die Beseitigung des „Bildungsprivilegs“. Die Hilfe der öffentlichen Hand sei berechtigt, da sie Begabungen unabhängig vom Familienschicksal zum Nutzen der Gesellschaft fördere. Folgerichtig plädiert die SPD für ein weitgespanntes Förderungssystem von Individualstipendien, dessen bildungspolitische Bedeutung davon abhängt, wie viele Akademiker die Gesellschaft brauchen wird. Hieraus erst folgt die Forderung, die „Würdigkeit“ zu prüfen. – Die CDU und, im Extrem, die FDP scheinen geneigter, die Hochschulen bei ihren Bildungsaufgaben zu unterstützen, also die Förderung der Sache vor die Unterstützung der Person zu stellen. Der Gesichtspunkt der „Würdigkeit“ hat Vorrang vor dem der „Bedürftigkeit“, denn die Würdigkeit bemißt sich an der Intensität der Studien. Konsequent glaubt man deshalb, dem Problem durch indirekte Förderung der Hochschulen (Wohnheime, Studentenhäuser, Mensen, Gesundheitsfürsorge) sowie durch Selbsthilfe der Studenten (Darlehnsaufnahme) beikommen zu können. In Mainz wurde vorgeschlagen, alle Förderung indirekt anzulegen, und der Herr Bundestagspräsident kündigte 100 Millionen für eine Darlehnskasse an. So beurteilt nach diesem System der Student seine Bedürftigkeit selbst, wenn er ein Darlehn beantragt.

Diese Diskussion ist absolut veraltet. Sie behandelt noch einmal die Voraussetzungen des Honnefer Modells, nicht aber seine Durchführung. Dieses Förderungsmodell, das weniger erhoben und fleißiger gelesen sein will, vereinigt die politischen Gegensätze und gleicht Würdigkeit und Bedürftigkeit einander sinnvoll und hochschulgerecht an.

Die politische Entscheidung fällt allein mit der Summe, das heißt, mit der Anzahl der betroffenen Studenten. Hier gilt es, Klarheit zu schaffen: