Der 1947 verstorbene Bildhauer wäre jetzt 80 Jahre alt geworden

Seine „Tänzerin“ war das Idol einer Generation, der Jugend nach dem ersten Weltkrieg. Ein Bild süßer und herber Grazie, ein Hauch von Griechentum und ein Hauch von Jugendbewegung, eine Wiederkehr antiker Schönheit in leicht faßlicher und wohl auch gefälliger Form. Scharen junger Menschen pilgerten zu ihr ins Berliner Kronprinzenpalais, sie war der Gegenstand schwärmerischer Primanerlyrik, einige Gedichte „An die Tänzerin“ wurden gedruckt, die meisten blieben in den Schubladen, vergessene Erinnerungen an die Zeit jugendlicher Begeisterung.

Die „Tänzerin“ ist verschollen. Sie wurde 1945 nach Rußland verschleppt. Vielleicht steht sie heute in Moskau oder Petersburg. Von den meisten Kolbe-Skulpturen gibt es mehrere Güsse oder wenigstens die Original-Gipsmodelle. Gerade die „Tänzerin“ war ein Unikat. Georg Kolbe: kaum ein anderer deutscher Bildhauer ist zu seinen Lebzeiten so enthusiastisch gefeiert und nach seinem Tode so schnell vergessen worden. Andere Künstler wurden bekannt durch den Widerspruch, den sie hervorriefen. Kolbes Werk fand von Anfang an allgemeine und uneingeschränkte Zustimmung. Was wäre gegen die „Tänzerin“, ein relativ frühes Werk von 1912, einzuwenden gewesen! Mühelos wuchs Kolbe in die Rolle des Repräsentanten der zeitgenössischen deutschen Plastik. Schon 1913 ist die erste Publikation über ihn erschienen. Unter den Verfassern späterer Kolbe-Bücher sind so große Namen wie Wilhelm R. Valentiner, Ludwig Justi, Wilhelm Pinder. Das große, volkstümliche Kolbe-Buch, das seit 1933 zahllose Auflagen erlebte, schrieb der deutsche Schriftsteller Rudolf G. Binding. Hochschulprofessur, Mitgliedschaft in der Preußischen Akademie der Künste – was immer an Ehrungen, Ämtern, offiziellen Aufträgen und Auszeichnungen einem deutschen Künstler erreichbar war, das hat Kolbe erhalten. Seine Werke kamen in alle deutschen und viele ausländische Museen. Seine Denkmäler stehen in zwölf deutschen Städten. Es gibt sogar ein eigenes Georg-Kolbe-Museum – eine Ehre, die keinem anderen deutschen Bildhauer der Gegenwart widerfahren ist. Sein Atelier-Wohnhaus am Bahnhof Heerstraße in Berlin (ein betont schlichter moderner Bau mit flachem Dach), die Stätte, an der Kolbe viele Jahre gearbeitet hat und wo er am 20. No fernher 1947 gestorben ist, wurde als Museum eingerichtet. In den Wohnzimmern, den Ateliers, im Skulpturenhof und dem Garten sind etwa 250 Werke, vorwiegend Bronzen und Gipsmodelle, aufgestellt. Das ist ein rundes Drittel des gesamten Oeuvres.

Der Eindruck ist gespenstisch – eine Konfrontierung mit vergessenen, halb vergessenen Erinnerungen, mit einer totgeglaubten Vergangenheit. „Ruf der Erde“, „Adagio“, „Segnung“, „Große Nacht“, „Zarathustras Erhebung“ – das dringt in aufgewühlten, leidenschaftlich bewegten Leibern, in pathetischen Gebärden auf den Betrachter ein und benimmt ihm den Atem. Bis er zwischen all dem Fatalen, Heroischen, Sportathletischen (das an die Berliner Olympiade und ans Haus der deutschen Kunst erinnert) dem andern Kolbe begegnet. Einem unpathetischen, unliterarischen, untendenziösen Kolbe, der – an der Antike und Rodin geschult – einen Mädchentorso oder ein Gesicht so meisterhaft bildet, daß die Oberfläche zu atmen scheint, daß Stein und Bronze den Glanz des Lebendigen gewinnen. Wenn er die Figur nicht ins Sinnbildliche umdeutet, sie nicht mit seelischer Fracht überlastet, wenn er nur Bildhauer ist, dann ist er ein großer Künstler.

Am 15. April 1957 wäre Kolbe 80 Jahre alt geworden. Die Öffentlichkeit hat von dem Tag kaum Notiz genommen. Eine verständliche Reaktion auf falsches Lob und Überschätzung. Es ist in der Tat mühsam genug, unter der Patina von Pathos und heroischer deutscher Seele den Künstler zu entdecken. Vieles, vielleicht sogar das meiste von seinem Werk ist vergangen. Einiges wird bleiben oder wiederkehren: die Zeichnungen, ein paar Frühwerke vielleicht, der „Giovanni“, der „Tänzer“ (nach Nijinskij) und die verschollene „Tänzerin“... Gottfried Sello