Wie es heute in Ostpreußen aussieht – Zwischen Erinnerung und Gegenwart / Ein Bildbericht von Johannes Maaß

An Hand einiger Bilder gibt Johannes Maaß im folgenden seine Eindrücke von einer Reise durch die unter polnischer Verwaltung stehenden nördlichen Gebiete, also aus Ost- und Westpreußen, Danzig und Pommern wieder.

Dies ist Neidenburg, eine kleineStadt im südlichen Zipfel Ostpreußens. Der Dom im Hintergrund, das ist alte Geschichte Neidenburgs, der Mann und die Frau im Vordergrund erleben die neue Geschichte Neidenburgs. Dazwischen stehen Trümmer. Die Trümmer eines Eckhauses am Markt, eines weiten Platzes mit einem Barock-Rathaus an der Stirnseite: dieser eigentümliche preußische Barock, der sich, fast möchte man meinen, der Fülle schämte und zur Gotik zurück und zum Biedermeier nach vorn strebte. Der Putz des Rathauses ist abgeblättert, der Marktplatz ist leer. Er hat seine Funktion verloren. Einst war er Schnittpunkt der Beziehungen zwischen Stadt und Land, hier war das Hotel mit gutem Restaurant und einem Saal, in dem Konzerte und Theateraufführungen stattfanden. Hier stand auch die Apotheke, die Bank, der landwirtschaftliche Ein- und Verkaufsverein, eben jenes Kaufhaus, die Buchhandlung, und dort, wo jetzt noch die verrottete Tankstelle übriggeblieben ist, die Maschinenhandlung, die sich im Zuge der Motorisierung einem Autobetrieb angegliedert hatte. Das alles war einmal. Heute ist der Marktplatz fast leer – und die Häuser um ihn sind Trümmer. Sie werden auch wohl nicht mehr aufgebaut werden. Völlig anachronistisch tönen dazu aus dem hier allerorts üblichen Lautsprecher, dem billigsten Propagandamittel des Ostens, die Töne des jetzt „aufgewesteten“ Warschauer Rundfunks, ausgerechnet der „Manhattan-Boogie“. zentralisierte Staat braucht keine kleinen Mittelpunkte mehr.

Den Mann hier im Vordergrund interessiert dies alles gar nicht. Die Trümmer allein interessieren ihn. Als ich ihn traf, lud er gerade mit seiner Frau noch brauchbare Ziegelsteine auf seinen „Panjewagen“ auf. Erwill einen Schweinestall daraus bauen. Für jedes Land ist sein Gefährt ebenso bezeichnend wie seine Wohnungen und seine Getränke. Hier hat die Motorisierung noch nicht Einzug gehalten – selten nur trifft man ein Auto. Das charakteristische Gefährt bleibt der Panjewagen. Der Mann stammt aus Mlava in Kongreßpolen, nicht einmal hundert Kilometer weiter südlich, wo er bis 1944 Tagelöhner war. Jetzt hat er einen kleinen Hof hier bei Neidenburg erhalten, der erst zum Dorfkollektiv gehörte und nach den Oktober-Reformen, der Auflösung des Kollektivs ihm zu eigner Bewirtschaftung überlassen wurde. Einmal wird er sein Eigentum werden gegen mäßige Zahlungen, auf lange Jahre verteilt. Sein eigener Herr ist er also jetzt. Der alte Traum der Landbevölkerung im Osten hat sich für ihn erfüllt. Mit dem zimla wasza! („Das Land ist euer“) hat einst der Bolschewismus Rußland erobert. Es ist auch die Parole in den Satellitenstaaten, die tatsächlich angewandt, die wirkliche Revolution des Ostens anbahnen könnte.

Tannenberg

Auch das Bild mit den Trümmern des Tannenbergdenkmals im Hintergrund zeigt die Liquidierung großer Geschichte. Das Tannenbergdenkmal wurde einst in der weiten, blauenden Sanftheit dieser Landschaft errichtet zu Ehren der Schlacht von 1914 und ihres Feldheirn, und man meinte in ihr eine geschichtliche Revision der just ein halbes Jahrtausend zuvor geschlagenen Schlacht von Tannenberg (Grunewald) zu sehen, in der die Ostexpansion des Deutschen Ritterordens gestoppt wurde. Vielleicht meinte man damals den Weg zu neuer Ostexpansion erstritten zu haben. Das Tannenbergdenkmal liegt heute in Schutt und Trümmern. Auch dieser Bauer betreibt die Enttrümmerung. – Er fährt Steine ab, mühsam herausgeklaubt aus dem verdammt harten Beton. Man erzählte mir, die Ziegel würden gestampft oder vermählen und für einen Sportplatz von Hohenstein verwandt. DerMann, der da völlig ohne Beziehung zur Geschichte über die Trümmer des gewaltigen Mahnmales schreitet, sucht nach den Stellen, die sich am besten auswerten lassen in dieser gigantischen Trümmerlandschaft. Im Hintergrund ein Junge, wie sie hier über und zwischen den Trümmern spielen. Was gibt es für Jungen Schöneres als solche Stätten? Der Junge ist aus einer Familie, die ganz in der Nähe angesiedelt ist. Sie stammt aus der Gegend von Lemberg, wo sie ausgesiedelt wurde, aus dem Gebiet, das die UdSSR im Jahre 1944 mitsamt 200 000 anderen Quadratkilometern den Polen von 1939 abgenommen hat. Die Eltern seien nicht besonders glücklich hier, sagt er – er freilich kennt die alte Heimat nicht mehr, und in der neuen ist sein schönster Spielplatz diese historische Trümmerstätte.

Der Mann in der wattierten Jacke – in Haltung und Geste unnachahmlich polnisch, trotz der russisch bestimmten Kleidung – hat etwas Abenteuerliches. Und das mag auch stimmen. Wer ist in dieses Vakuum der von deutscher Bevölkerung entblößten Gebiete eingeströmt? Gewiß nicht die seßhafte, arrivierte Bevölkerung Polens. Sie blieb zu Hause. Gekommen sind viele Versager oder Glücksritter. Das muß man manchmal berücksichtigen, wenn man diese Gebiete besucht und kritisch betrachtet. Bäuchlings liegt heute inmitten der Trümmer der schwarze Monumentalblock Baluscheks. Das Großkreuz des Eisernen Kreuzes und die Marschallstäbe sind auf den Schulterstücken noch gut erkennbar. Ohne Kopf liegt auch das Denkmal des Feldherrn und Reichspräsidenten Paul von Hindenburg dort herum.