Der Kampf der Notenbankpräsidenten gegen die Inflation ist eine weltweite Angelegenheit. Überall sind es die gleichen Gefahren, die der Wirtschaft der freien Welt drohen. Sie liegen in der ständigen Überforderung der eigenen Kräfte. Die Völker versuchen, mehr Waren zu kaufen als erzeugt werden können, mehr Geld auszugeben als sie verdienen, und mehr zu borgen als sie sparen. Das ist die psychologische Wurzel der Inflation. Mit ihr setzt man sich nicht nur in Europa, sondern vor allem auch in den USA auseinander.

Amerikas Federal Reserve System hat ähnliche Sorgen wie bei uns die Bank deutscher Länder. Die amerikanische Notenbankführung hat es sogar noch schwerer, weil das amerikanische Volk keine Inflationserfahrungen besitzt, also die hier ruhenden Gefahren eventuell nicht richtig einzuschätzen weiß. Es ist daher auch nicht erstaunlich, daß man in den USA, wo man nur den Anfang – nämlich den Rausch des Booms –, aber nicht das Ende – die Armut – kennt, versucht, aus der auf eine ständige Nachfragesteigerung gerichteten Politik geradezu eine Tugend zu machen. Sumner Wichter, Professor an der Harvard-Universität, vertritt zum Beispiel die Auffassung, daß eine schleichende Inflation akzeptabel und nahezu unvermeidlich sei. Mit dieser Meinung steht er keineswegs allein. Das hat seine guten Gründe. Die amerikanische Wirtschaft ist auf Massenverbrauch gerichtet; er treibt die Räder an. Ein Auto fährt auch der, der es mit eigenen Mitteln nicht beschaffen kann. Ein Eigenheim besitzt auch, wer kein Vermögen hat, weil Abzahlungsinstitute die Finanzierung übernehmen. Für diese ist weniger das Vermögen, als ein laufendes festes Einkommen bedeutungsvoll. Ein solches System zerbricht nicht gleich an einer Geldentwertung, die die Vermögensbesitzer schädigt. Dagegen wird ihm die Massenarbeitslosigkeit und der Ruin der Geschäftsleute in Zeiten der Depression gefährlich.

Deshalb argumentiert das Federal Reserve System auch etwas anders, als etwa bei um die Sprecher der Notenbank. Man sieht dort weniger das böse Ende einer Inflation, wie wir es zweimal als Folge verlorener Kriege erlebt haben, als die Tatsache, daß ein durch Geldentwertung genährter Boom nicht von Ewigkeit sein kann, sondern in sich selbst zusammenbrechen und eine Depression hervorrufen muß. Der Vorsitzende des Federal Reserve Board, William McChesney Martin, wies so vor kurzem den Gedanken zurück, die Vereinigten Staaten könnten gefahrlos eine schleichende Inflation mit einem jährlichen Preisanstieg von 2 oder 3 v. H. als Preis für die Vollbeschäftigung hinnehmen. Er erklärte vielmehr, daß die Staaten eine Katastrophe erleben würden, wenn sie diese Auffassung teilten. Werde eine „fortschreitende Inflation“ geduldet, so erzwinge dies die Deflation. Sein Mitarbeiter, Mr. Riefler, meinte zum gleichen Thema: Wenn einmal bekannt werde, daß die Regierung eine solche Absicht verfolge oder auch nur dulde, so würde dies den Anreiz zum Sparen ernstlich vermindern und die Ausgabeneigung stark erhöhen. So käme man zu einer Beschleunigung des Inflationsvorganges, der den Preisauftrieb dann nicht mehr in engen Grenzen halten ließe. Unter den heutigen Verhältnissen sei aber das Sparen „lebenswichtig“, weil es die Wachstumsgrundlage liefere.

Die Sprecher des Federal Reserve Systems sind somit im Gegensatz zu den Inflationisten auch der Auffassung, daß ein innerwirtschaftliches Gleichgewicht die beste Garantie für eine ständige Aufwärtsentwicklung biete, weil nur so Spannungen, (und letzten Endes: Krisen und Zusammenbrüche) vermieden werden können. Ein stetiges Wirtschaftswachstum mit Vollbeschäftigung beruht im wesentlichen auf der Aufrechterhaltung eines „angemessenen Gleichgewichtes“ zwischen Erzeugerkapazität und Verbrauch, sagt Mr. Balderston, der Vice-Chairman des Board. „Um eine Inflation zu verhindern“, so erklärt er, „müssen wir vermeiden, mehr auszugeben, als wir durch die Produktion einnehmen. In einer freien Wirtschaft tun wir dies, indem wir Geld und Kredit relativ so knapp machen wie die Ware, die die Leute mit dem Geld und Kredit zu kaufen vermögen. Das aber bedeutet, daß eher der Geldpreis, also der Zinssatz, ansteigt als der Warenpreis. Eine allgemeine Inflation der Warenpreise wird also vermieden, wenn man eine Erhöhung der Kosten für das Geld hinnimmt, das zum Erwerb dieser Waren verwendet wird.“

Zinserhöhungen bereiten nun aber auch den Amerikanern kein Vergnügen; es fehlt auch hier nicht an Protesten der Betroffenen. Am lautesten ist die Stimme desjenigen, so meinte Mr. Riefler, der ein Haus bauen oder kaufen will, und der mit einer Finanzierung durch Hypotheken zu einem Zins von höchstens 4,5 v. H. gerechnet hat. .. Hypothekengläubiger aber, die ihr Geld auf Hypotheken gleicher Qualität zu 5 v. H. oder noch günstiger ausleihen können, sind natürlich an weniger ertragsreichen Hypotheken nicht interessiert. Noch mißlicher aber ist die Lage der Gemeinden und Schulbehörden, die Gelder zur Vergrößerung der leider sehr unzureichenden Schulgebäude aufnehmen wollen. Sie sind bestürzt über die Auswirkungen der erhöhten Zinskosten auf den bereits angespannten Etat.

Solche Kritiken wiegen auch in den USA schwer und geben Anlaß zum Nachdenken. Es ist aber nicht die Aufgabe des Federal Reserve Systems, meint hierzu Mr. Balderston, und es liegt auch nicht in seiner Macht, neue Ersparnisse zur Investierung in Wohnhäusern oder Fabrikgebäuden und Anlagen oder für die Finanzierung des Schul- und Straßenbaues zur Verfügung zu stellen. Ersparnisse hierfür können nur aus dem nicht ausgegebenen Teil des laufenden Einkommens erzielt werden: denn allein durch derartige Ersparnisse werden Arbeitskräfte und Materialien und Investitionen frei.

Wird der Zins für einzelne Vorhaben zu hoch und klingt deshalb bei ihnen die Nachfrage ab, so ist dies an sich noch gar kein gesamtwirtschaftlicher Nachteil. Ein gleichmäßiges Wachstum der gesamten Wirtschaft ist nämlich (laut Balderston) durchaus vereinbar mit erheblichen Ungleichgewichten der Nachfrage auf einzelnen Gebieten. Die verschiedenen Arten der Nachfrage wirken wechselweise als Antriebskräfte in der Wirtschaft, wobei die Gesamtnachfrage jeweils etwa gleich hoch ist wie die gesamte Kapazität. Deshalb sieht auch das Federal Reserve System seine Politik nicht darin, ausreichende Bankkredite zur Erfüllung sämtlicher Kreditwünsche der Starken und der Schwachen bereitzustellen. Dieser Weg führt nämlich genau zur Inflation – mit all ihren Härten und unterschiedslosen Übeln! Die Lösung sieht man vielmehr darin, freie Märkte zum Funktionieren zu bringen; ein wesentlicher Schritt in dieser Richtung besteht nach Auffassung des Federal Reserve Systems in der Beseitigung der starren Vorschriften über die Begrenzung der Zinssätze für Hypotheken und Schulbauanleihen.