Hannover, im April

Zu Anfang glaubt man, daß man sich verirrt habe. Man ist nicht in Zürich, sondern in Hamburg, und von Helmut Käutner scheint der Film auch nicht zu sein. Ein junges reiches Mädchen empfängt ihren ehemaligen Geliebten im modischen Pyjama ohne Hosenbeine, also ziemlich nackt, in ihrer filmbürgerlichen Hochhauswohnung. Wieder einmal scheint Treue ein leerer Wahn und Gewissen ein snobistischer Schnörkel zu sein. Werner Finck als Zahnarzt versucht mit zarter Übertreibung etwas Ulk in die Sache zu bringen, und Patienten mit dicken Backen scheinen den herkömmlichen Klamauk zu garantieren.

Eine Party bei einem Filmgewaltigen läßt durch die souverän erzählende Kamera, die Bambis und andere Rehlein in dem neuerdings die Natur so üppig ins Zimmer holenden Grünschmuck beleuchtet, unverblümt erkennen, daß nun endlich auch der Film selbst sich über die Heimatschnulzenfilmproduktion lustig zu machen beginnt. Diese glossierte Edelkitsch-Atmosphäre deutet hoffentlich auf ihr mögliches Ende hin. Hollywood hat schon ein paar Beweise harter, schonungsloser Selbstkritik gegeben, die Einfallsarmut, Launenhaftigkeit, Neidranküne und Gewissenlosigkeit in den eigenen Reihen bloßstellten, Käutner macht’s mit Witz (im Filmbüro hängt ein Plakat „Der Fisher Struensee“), aber auch mit äußerster Zurückhaltung, wie sich noch herausstellen sollte. „Ich persifliere, aber hoffentlich merkt sollte. nicht so sehr.“

Die Handlung der „Zürcher Verlobung (Real/Europa), simpel wie ein Abzählvers, ist leider nicht besser und nicht weniger langweilig als von Dutzendfilmen. Mag sein, und wundern würde es niemand, daß Drehbücher so entstehen, obwohl der Laie staunt und der Fachmann schon ganz andere Dinge von mächtigen unerbittlichen Verleihern und ängstlichen Produzenten gehört hat: Das junge Mädchen aus der Hochhauswohnung, „Schriftstellerin in Mußestunden“, hat eine knappe Filmidee, die sie durch eigene Erlebnisse anreichern will. „Sie verlobt sich mit einem Mann, den es gar nicht gibt, liebt einen zweiten, der davon leider nichts merkt, und wird von einem dritten geliebt.“ Das soll beweisen, daß sie Phantasie hat. Mit dem, der sie liebt und und den sie kaum kennt– natürlich ist es der Filmregisseur –, fährt sie, ohne Umstände zu machen, im Auto in die Schweiz. Und wenn man im Film in die Schweiz fährt, dann selbstverständlich zunächst nach St. Moritz. Wieder erzählt die Kamera in lichter, weicher und farbig anmutiger Photographie sehr intelligent, obwohl die harmlose Handlung immer wieder an horrenden Edelkitsch und kindliche Albernheit grenzt. Sehr viel Freude macht die Begegnung mit den Schweizern im soliden bürgergerlichen Salon in Zürich. Mit großem Takt und Treffsicherheit und viel Humor ist hier die typisch schwyzerische Mentalität nachgezeichnet. Jede Rolle ist exzellent besetzt. Ein Kabinettstückchen vollführt eine alte lustige Dame mit lila Haar und passend eingefärbtem Pudel (Traute Carlsen).

Am Schluß bekommt, „wie im Film“, das seelenvolle Mädchen den Regisseur, und mit der Verfilmung des neuen Drehbuchs kann begonnen werden. Das spielerische Vergnügen Käutners und seine trockene Komik sorgen bis zuletzt für heitere Zwischenfälle, so wenn er, wie stets, in einer kleinen Szene selbst erscheint und irritierend bemerkt: „Ein Regisseur sollte nie in seinem eigenen Film auftreten.“ Schade, daß die Musik nicht besser pointierte. Sie hätte die Wirkung dieses Lustspiels sehr erhöhen können. Ein kleiner rüpeliger Junge ist eine der komischsten Hauptfiguren. Er tritt zwar nicht eigentlich als Kind auf – sondern als dem ex machina, der die Handlung weitertreibt und durch die überraschenden Anmerkungen, mit denen er schlimme Erwachsene kopiert, die größten Lachsalven erzeugt. Sehr locker und von gewinnender Männlichkeit Bernhard Wicki als dritter Verehrer. Als junge Autorin zeigt die aparte Schweizerin Liselotte Pulver differenzierten Humor und Sinn für komische Entstellungen.

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In einer Seitenstraße der Weltspiele in Hannover feierten die schulfreien Halbwüchsigen im Chor mit lauten Rufen „Lilo“, „Bernhard“, „Helmut“ ihre Idole. Bei der Premierenfeier im ersten Hotel der Stadt, die von 18 Uhr bis in die späte Nacht dauerte und nur durch den Auszug der Stars zur zweiten Vorstellung unterbrochen wurde, wo sie sich noch einmal unter Scheinwerfern als „Lilo“ und „Bernhard“ ihren Anbetern zur Verfügung stellten, errechnete der Verleih aus Publikumsreaktion und Applaus, ob der Film beim Publikum „angekommen“ sei. Käutners Theorie, daß das Künstlerische im Film ein etwas illegitimes Element ist und sehr oft nur auf dem Umwege des Schmuggels in der Arbeit der Regisseure und Filmschauspieler Platz finden kann, stand mitten im Raum. „Wir irren uns sehr oft“, das ist Käutners Ansicht: „Das was wir für künstlerisch halten, stellt sich oft nur als künstlich heraus oder als snobistische Zutat, die den Publikumswert des Films schmälert und den Kunstwert nicht erhöht. Wir alle, die wir aktiv oder passiv dem Film ausgeliefert sind, wissen zu wenig von seinem Wesen und seinen Gesetzen, die seine Existenz und seinen Zustand bestimmen. Wir wissen, daß er vom Rummelplatz stammt und sein Wachstum so schnell vonstatten ging, daß er zu wenig Zeit hatte, sich selbst zu finden, seine Möglichkeiten, seine Grenzen. Der Erfolg, der bereits sein erstes Auftreten begleitete und seine bis heute anhaltende überstürzte technische Verbesserung, hat eine unnatürliche Entwicklung zur Folge gehabt. Die gefährlichen Krisen, die sich daraus ergeben, schütteln ihn heute noch pausenlos.“