K., Buenos Aires, im April

Da die drei Finanzminister, die Argentinien seit einem Jahr verbraucht hat, ihre Wirtschaftspläne nur bruchstückweise durchführen konnten, hat der vierte, Dr. Krieger Vasena (der Ende März sein Amt antrat), den Verzicht auf weitgehende Planung und grundlegende Entscheidengen zum Ausgangspunkt seiner Tätigkeit gemacht. Dieser Entschluß entspricht der politischen Situation des Landes, wie sie sich nach den stürmischen Ereignissen der letzten Wochen herausgebildet hat. Die Regierung Aramburu hat dabei an innerer Homogenität und äußerer Autorität soviel eingebüßt, daß sie sich ihres Charakters als provisorische Regierung mehr als früher bewußt sein muß.

Obwohl die Präsidenten- und Kongreßwahlen erst für Februar 1958 angesetzt sind, Stehen die wirtschaftlichen Probleme bereits scharf im Licht des Wahlkampfes. Sie stehen nicht nur im Vordergrund, sondern erleiden dabei auch demagogische Verzerrungen, die eine sachliche Erörterung unmöglich machen. Die zum Teil noch in Bildung begriffenen Parteien, die auf die Stimmen der großen Massen spekulieren und auch die kompliziertesten Fragen auf vertraute Schlagworte bringen, beweisen dabei, wie weit durch die Ausrottung der politischen Kultur im peronistischen Jahrzehnt Argentinien auch in seinem Wirtschaftlichen Denken hinterher westlichen Welt zurückgeblieben ist. Die Argumentation, die den Bemühungen der Regierung um Liberalisierung der Wirtschaft und Wiedereinschaltung in den internationalen Kreislauf entgegengestellt wird, bewegt sich im wesentlichen um die Worte Imperialismus und kapitalistische Ausbeutung, wobei der Imperialismus noch in der Gestalt dargestellt wird, in der er um 1925 vor allem durch nordamerikanische Schriftsteller populär gemacht wurde, und als kapitalistische Ausbeutung jeder Versuch gilt, die von Perón geschaffenen bequemen Arbeitsbedingungen zur Steigerung der Produktivität abzuändern.

Leider ist die Regierung Aramburu, die auch politisch nur über eine sehr verblaßte Phraseologie verfügt, nie imstande gewesen, diesen primitiven Schlagworten zeitgemäßere Auffassungen von übernationaler Zusammenarbeit und gegenseitiger Verpflichtung innerhalb der westlichen Welt entgegenzusetzen. Sie hat sich vielmehr von der Demagogie so sehr einschüchtern lassen, daß sie sich in allen grundsätzlichen Fragen der Initiative begeben hat und sich heute auf eine Politik der kurzfristigen Überbrückung beschränkt sieht.

Der weitergehenden Verschlechterung der Wirtschaftslage durch das Wachsen der Inflation und des Dollardefizits und die Gefährdung der Rohstoffeinfuhren hofft die Regierung durch einen von der Weltbank gerade jetzt genehmigten 75-Millionen-Dollar-Kredit, vor allem aber durch rasche Steigerung der Energieproduktion zu begegnen. Obwohl die Rücksicht auf die antiimperialistische Agitation neue Konzessionen für Elektrizitätswerke und Erdölförderung verbietet, gewähren Dienstleistungs- und Lieferverträge mit Staatsunternehmen die Möglichkeit, das Kapital und die Technik des Auslands heranzuziehen. Der Erfolg einiger internationaler Ausschreibungen für Erdölbohrungen und vor allem für den Bau einer 1500 km langen Gas- und Ölleitung, durch die erst die Ausbeute der großen Vorkommen an der Nordgrenze und eine Verminderung der Einfuhren möglich wird, verbessert nicht nur die wirtschaftlichen Perspektiven, sondern zeigt auch, daß man sich im Ausland durch die gegenwärtige politische und wirtschaftliche Krise Argentiniens nicht den Blick dafür trüben läßt, daß das Land mit seinen großen entwicklungsfähigen Reichtümern und kaum ausgenutzten Kreditmöglichkeiten auf lange Sicht einen wichtigen Markt darstellt.

Die Reaktion der einzelnen Handelspartner auf die argentinische Krise und die Lösungsversuche waren so verschieden, daß die Gegensätze unter ihnen heute ein besonderes Problem bilden. Am eindeutigsten war die Haltung der Bundesrepublik: sie hat das von politischen Revanchegedanken diktierte Vorgehen gegen einzelne deutsche Firmen dazu benutzt, um von der Lösung dieser Frage und der des im Krieg beschlagnahmten Firmeneigentums ihre Zustimmung zu einem Finanzmoratorium und dem multilateralen Zahlungsverkehr abhängig zu machen. Argentinien hat daher in den letzten Monaten die Fälligkeiten sowohl aus dem Abkommen von 1953 (in Höhe von 10 Mill. $) wie aus den langfristigen Liefervertragen (in etwa doppelter Höhe) bezahlt. Nach längerem Stillstand der Verhandlungen mit Bonn hat sich der Kabinettsrat in der ersten Aprilhälfte mehrmals mit der „deutschen Frage“ befaßt und neue Lösungsvorschläge ausgearbeitet. Da die Verweigerung neuer deutscher Kredite die argentinische Zentralbank zwingt, die deutsche Industrie von allen noch genehmigungspflichtigen Einfuhren auszuschließen, steht Deutschland auf dem argentinischen Markt allerdings in Gefahr, ins Hintertreffen zu geraten.