London, im April

Samuel Beckett, der mit seinem „Warten auf Godot“ einen Welterfolg errang, trat vor einigen Tagen in London mit zwei neuen Stücken vor die Öffentlichkeit. Und zwar erlebten die beiden Werke des irischen, in Paris lebenden und französisch schreibenden Dichters in London, von französischen Schauspielern in französischer Sprache gespielt, ihre Welturaufführung.

Das erste der beiden Stücke ist ein Einakter: „Fin de Partie“ (Das Ende vom Spiel), ein Stück, das mit Godot viel gemeinsam hat. Wieder ist es ein Quartett von Charakteren, die auf mysteriöse Weise aneinander gekettet sind, wieder fehlt es an einer Handlung im üblichen Sinn, wieder tritt aus dem Nebel der Symbole die Eintönigkeit des Daseins und seine Hoffnungslosigkeit vage hervor. Und wieder steht am Ende ein kleiner, wenn auch nicht sehr eindeutiger Hoffnungsschimmer.

In einem Turm, dessen eines Fenster auf das Land, dessen anderes auf die See hinausgeht, lebt ein blinder, gelähmter Mann, Hamm genannt. Er wird bedient von einem krummbeinigen, schwachsinnigen Bediensteten, Clov, der so verkrüppelt ist, daß er zwar gehen, aber nicht sitzen kann. Clov behandelt seinen Herrn barsch und schroff, überschüttet ihn mit Verwünschungen, muß aber aus geheimnisvollen Gründen gelaufen kommen, sobald Hamm mit seiner schrillen Kinderpfeife nach ihm ruft. Die Welt außerhalb des Turms ist menschenleer; einige im Dialog verstreute Bemerkungen lassen darauf schließen, daß eine Hungersnot die Menschheit vernichtet hat. Nur Hamm, der alles Getreide an sich gebracht hatte und den Bitten der Sterbenden sein Ohr verschloß, konnte sich und die Bewohner seines Hauses am Leben erhalten. Außer Clov leben in dem Turm noch die Eltern Hamms, ein ebenfalls schwachsinniges Greisenpaar, das beinlos (sie haben ihre Beine bei einem Verkehrsunfall, verloren, als sie ihre Ferien auf einem Zweisitzerfahrrad in den Ardennen verbrachten) in zwei Mülleimern in einer Ecke des Turmgemachs haust. Die zahnlosen Alten erzählen sich von ihrer Hochzeitsreise am Comer See und versuchen über die alten Witze wieder zu lachen, die sie einst so amüsiert haben, jetzt aber ohne Wirkung sind.

Die Handlung des Stückes, wenn man sie so nennen kann, dreht sich um den verzweifelten Versuch des Dieners, sich von seinem Herrn loszureißen. Und am Ende sieht es so aus, als ob Clov tatsächlich die Flucht gelingen könnte. Mit dem Hut auf dem Kopf, den verschlissenen Koffer in der Hand, steht er da, während sein blinder Herr vergebens in die Pfeife stößt, um ihn zum Dienst zu rufen. Man sieht, wie es Clov durchzuckt, wie er alle seine Kräfte anspannen muß, um nicht dienstfertig herbeizuspringen, aber er bleibt fest, bis der Blinde verzweifelt die Pfeife von sich wirft. Hat Clov gewonnen? Wir wissen es nicht. Ist es ein gutes Ende? Im Stück hat Hamm wiederholt behauptet, daß das Verlassen des Turms für Clov der sichere Tod sein wird. Aber vielleicht hat er das nur gesagt, um Clov an sich zu ketten?

So endet „Fin de Partie“ mit einer Reihe von Fragezeichen. Es ist eine groteske Tragikomödie, bei der man zuweilen von wirklichem Grauen gepackt wird, zuweilen aber auch lachen muß – wobei hinter dem Lachen aber immer die Angst steht. Das Stück dramatisiert den Freudschen Todestrieb: immer wieder sprechen die Figuren sehnsüchtig vom Ende, das doch einmal kommen muß, als Erlösung von der Sinnlosigkeit und den sich endlos wiederholenden Trivialitäten des Daseins.

Es ist ein Spiel, das aus der Stimmung der Existenzialistenkneipen von Paris gewachsen ist und das in eines jener kleinen Theater um Saint-Germain-des-Pres gehört. Die Truppe Roger Blins hat aber wegen eines Konflikts mit der Direktion des Theaters, in dem die Pariser Uraufführung stattfinden sollte, die Gastfreundschaft des Londoner Royal Court Theaters in Anspruch genommen.Und hier im soliden, unkomplizierten London, wirkt Becketts existenzialistische Bitterkeit viel exotischer, viel exentrischer, als auf dem Boden, aus dem sie gewachsen ist. Eine eindrucksvolle Aufführung. Aber die „Times“ und viele der Zuschauer meinten, sie sei doch etwas zu „horrible“ gewesen.