Das Gespräch des Bundeskanzlers mit den Atomwissenschaftlern hat zwar die unfreundliche Atmosphäre gereinigt, die durch die erste heftige Kritik des Kanzlers an dem Göttinger Kommunique entstanden war, aber in der Sache selbst hat keiner der beiden Partner seinen Standpunkt geändert. Die Wissenschaftler haben ihre warnende Feststellung, daß „taktische Atomwaffen“ eine ähnliche Wirkung wie dieHiroshima-Bombe haben, nicht abgeschwächt. Der Regierungssprecher gab nach der Konferenz vor der Presse unumwunden zu, daß es gegen „strategische Atomwaffen“ (Wasserstoffbomben) keinen wirksamen Schutz gibt.

Die politische Frage, die die Wissenschaftler angeschnitten hatten, wurde in dem gemeinsamen Kommunique nicht mehr berührt, die Frage nämlich, ob nicht für ein kleines Land wie die Bundesrepublik der Verzicht auf Atomwaffen der beste Schutz sei. Der Regierungschef wiederholte aber die Zusicherung, daß die Bundesrepublik keine eigenen Atomwaffen produzieren werde,und einRegierungssprecher stellte fest, daß in den nächsten 20 bis 24 Monaten eine Ausrüstung der Bundeswehr mit Atomwaffen nicht in Betracht komme, und daß die Zwischenzeit ausgenutzt werden solle, um ein generelles Abkommen über die Abschaffung der Atomwaffen zu erreichen. Die Betonung dieser Absicht in dem gemeinsamen Kommunique ist ein eindrucksvoller moralischer Erfolg des Göttinger Appells. Das Ergebnis solcher Bemühungen hängt freilich von der Einsicht der großen Mächte ab.

Nach den letzten Nachrichten von der Abrüstungskonferenz scheint eine Hoffnung auf internationale Bändigung der Atomgefahr nicht unberechtigt. Sollte sie sich allerdings als trügerisch erweisen, dann stünden wir eines Tages „vor einer neuen Lage“, wie es der Regierungssprecher nannte. Das heißt, dann käme es vermutlich doch zu der Ausrüstung der Bundeswehr mit „taktischen Atomwaffen“, diesen Lückenbüßern in der strategischen Unterbilanz der NATO. Auch für diesen hoffentlich nie eintretenden Fall müssen Vorkehrungen ins Auge gefaßt werden. In England und in Amerika kann man über „taktische Atomwaffen“ mit der geistigen Distanz debattieren, die sich aus der räumlichen ergibt. Dort braucht man nur die „strategischen Atomwaffen“ zu fürchten. Wir auf dem europäischen Kontinent aber, und vor allem wir in Deutschland, bekämen als erste die vernichtende Wirkung der „taktischen Atomwaffen“ zu spüren.

Nun gibt es gegen diese immerhin einen gewissen Schutz. Ihn werden wir, solange es kein kontrolliertes Abrüstungsabkommen gibt, systematisch und mit größerer Energie als bisher vorantreiben müssen. Das Bundesinnenministerium hat bereits Pläne ausgearbeitet, deren Verwirklichung allerdings weit größere Mittel erfordert, als bisher vorgesehen sind. Vor allem kommt es auf die Errichtung möglichst vieler kleiner, rasch erreichbarer Luftschutzbunker an. Da der Aufenthalt in diesen Luftschutzräumen wegen der radioaktiven Verseuchung der Luft im Falle der Anwendung von „taktischen Atomwaffen“ oft lange dauern wird, muß auch eine entsprechende Verpflegungsreserve rechtzeitig angelegt werden. Bekanntlich hat die Schweiz für diesen Fall sehr umfassende, allerdings auch umstrittene Vorkehrungen getroffen.

Die Anlegung einer für die gesamte Bevölkerung ausreichenden „griffbereiten Luftschutzverpflegung“ ist ein sehr vielschichtiges, nicht zuletzt auch psychologisches Problem. Mit Hilfe der Einfuhr- und Vorratsstelle könnte man wohl am zweckmäßigsten die ersten Grundlagen für eine solche Sicherung der Ernährung im Kriegsfalle schaffen. Aber man wird nicht alles dem Staate überlassen dürfen. Die Wirtschaft selbst wird einen Teil dieser Aufgabe übernehmen müssen. Überdies ist eine solche Vorratshaltung nicht nur für den hoffentlich nie eintretenden „Ernstfall“ zu bedenken. Die Erinnerung an die Korea- und auch an die Suezkrise lehrt, wie gut es ist, in solchen Fällen über entsprechende zentrale Vorratslager zu verfügen. Hätten wir in der Koreakrise nicht eine so stattliche Reserve von Margarinevorräten gehabt, dann wären wir vielleicht um drastische Maßnahmen zur Sicherstellung einer Mindesternährung nicht herumgekommen. R. Strobel