Eine Sensation war der Londoner Adamsprozeß weit über Englands Grenzen hinaus. In Deutschland war dabei nicht nur der „Fall“, der Anklageinhalt, im Mittelpunkt außergewöhnlichen Interesses, sondern auch die Tatsache, daß die britische Justiz nach ihren eigenen Regeln arbeitet: sehr verschieden von der deutschen Rechtsprechung. In der vorigen Nummer der ZEIT ist bereits vom Verlauf der Verhandlungen gegen Dr. Adams berichtet worden – von einem Engländer, der die Besonderheiten der englischen Prozeßführung hervorzukehrei Verstand. Nun haben zwei deutsche Autoren – ein Journalist, der als Gerichtsberichterstatter Erfahrungen sammelte, und ein Anwalt, der in der ersten Besatzungszeit Gelegenheit hatte, deutsche und englische Rechtsprechung zu vergleichen – sich mit der Frage auseinandergesetzt: Worin besteht eigentlich der grundlegende Unterschied zwischen der deutschen und der englischen Rechtsprechung und welche Vorzüge hat die englische Prozeßordnung? Der Müller-Prozeß im vergangenen Jahr hat bei uns bereits viele Kritiker auf den Plan gerufen...

Der Prozeß im Londoner Old Bailey gegen Dr. John Bodkin Adams ist längst zu Ende; endlich ist dieses bedeutende Beispiel echter Rechtsfindung dem Jahrmarkt der Sensation entrückt, und an uns, den Bürgern der Bundesrepublik, liegt es nun, jene Folgerungen zu ziehen, die aus der unveräußerlichen Instanz des Rechts, nicht der Rechtsprechung, nicht der Jurisdiktion entspringen.

Wir haben in Deutschland den fatalen Fall des Dr. Müller, Zahnarzt in Otterndorf, erlebt. Niemand wird den faulen Kompromiß – sechs Jahre Gefängnis – als überzeugend empfunden haben. Lebenslang oder Freispruch, das war in den Augen des Staatsbürgers die Alternative, und der Spruch der Geschworenen im Falle des Dr. Adams in London war fraglos von einem sehr gesunden Rechtsgefühl diktiert.

Nicht zufällig waren im Old Bailey, wie immer nach englischer Tradition, die Geschworenen, die Bevölkerung also, die Richter. Sie hatten ihr „schuldig“ oder „nichtschuldig“ zu sprechen; das Strafmaß zu bestimmen, war Aufgabe des Richters. Schon deshalb sollte der Prozeß, vor allem sein Ausgang, uns, das „Publikum“, veranlassen, eine gewisse Selbstkritik zu üben. Als das Verfahren gegen den Zahnarzt Dr. Müller aus Otterndorf begann, hörte man, wohin man auch kam: Nun ja, er sieht ja auch unsympathisch genug aus. Das gleiche vernahm man, als die ersten Photos von Dr. Adams in der Presse erschienen. Der angesehene Mediziner aus Eastbourne wurde zum „Witwenarzt“, dann zum „Witwenmörder“ –: aus einem Menschen, der bis zu diesem Augenblick als honoriger Arzt galt, wurde ein Objekt der Sensationsberichterstattung.

Im Falle Dr. Adams vollzog sich dann in der öffentlichen Meinung ein sehr plötzlicher Umschwung, als ein hervorragender Verteidiger, Geoffrey Lawrence, auf den Plan trat. Die Eleganz, die Logik seiner Kreuzverhöre waren für den kundigen Beobachter ein dialektisches Vergnügen, und erstaunlich schnell wurde die Antipathie gegen Dr. Adams zu Sympathie.

Lawrence bluffte nicht einen Augenblick, er sprach ganz unaufheblich, leise. Er vertraute der Logik, Sympathie und Antipathie interessieren ihn nicht. Er hielt sich nur an die Tatsachen und war, als Laie, gescheit genug, selbst die Gutachten berühmter Sachverständiger zu zerpflücken. Dr. Müller in Kaiserslautern hat das Pech gehabt, nicht einen Anwalt solchen Formats zu haben. Sein Verteidiger brachte es nicht fertig, die Gegensätzlichkeit der Gutachten verschiedener Sachverständiger – und damit die Fragwürdigkeit von Gutachten überhaupt – zugunsten seines Mandanten auszunutzen. So kam es zu dem Kompromißurteil „Sechs Jahre Gefängnis“. Dieser Kompromiß hat, mit allem Recht, ein gewisses Mißtrauen im Hinblick auf die Rechtssicherheit in der Bundesrepublik ausgelöst. Und, menschlich gesehen, wäre hinzuzufügen, daß auch ein Freispruch „aus Mangel an Beweisen“ die Vernichtung der bürgerlichen Existenz Dr. Müllers bedeutet hätte. Immer wäre Dr. Müller ein „Halbgeächteter“ geblieben.

In England hingegen gibt es solche Einschränkungen des Freispruchs nicht. Es gibt nur „schuldig“ oder „nicht schuldig“. Oft genug hat der Richter die Geschworenen ermahnt, Sympathie und Antipathie zu vergessen und sich nur an die Tatsachen zu halten. Entscheidend bei dem Adams-Prozeß wie bei der Verhandlung gegen Dr. Müller ist für den Laien nicht, ob die Angeklagten schuldig oder unschuldig erschienen, sondern ob die Tatsachen galten, Objektivität und Recht. In dubio pro reo, der alte römische Rechtsgrundsatz, der im Zweifelsfalle den Angeklagten freispricht, wurde in London zur Gloriole. Die Geschworenen hatten erkannt, daß die Tatsache, daß die medizinischen Sachverständigen derart unterschiedlich die Behandlungsweise des Dr. Adams beurteilen, Verpflichtung genug war, den Angeklagten freizusprechen. Bei Dr. Müller ging es um die Katalytöfen, bei Dr. Adams um Morphium und Heroin – wie sollte der Richter, wie sollten die Geschworenen, wenn sich nicht einmal die Sachverständigen einig sind, zu einem Schuldspruch kommen?