Dd, Rastatt

Die Vergleichsverhandlung der Rastatter Stadtverwaltung mit dem gekündigten Chefarzt des Krankenhauses, Dr. Heinrich Schüler, hat endlich zum Erfolg geführt: Dr. Schüler wird auf Lebenszeit angestellt, er muß aber ein halbes Jahr auswärts Erfahrungen sammeln. Bevor sie diese Entscheidung fällten, hatten sich die Stadtväter zunächst einmal vom badischen Innenministerium ein paar erfahrene Kriminalisten und Verfassungsschützer verschrieben.

Die sollten herausfinden, ob sich hinter dem einmütigen Protest der Bevölkerung gegen die Entlassung des beliebten Chefchirurgen am Rastatter Krankenhaus – wir berichteten in Nr. 14 der ZEIT darüber – eine finstere Verschwörung radikaler Elemente verbirgt. Während sich nur 65 v.H. aller Rastatter an den Kommunalwahlen beteiligten, aus denen der derzeitige Stadtrat hervorging, hatten 72 v. H. eine Protesterklärung gegen die Kündigung Dr. Schülers unterzeichnet.

Die Stadtväter sahen in dieser „plebiszitären Demokratie“ ein Merkmal von verwerflichem Radikalismus. Wenn auch in diesem Zusammenhang schwerlich von „linksradikalen“ oder „rechtsradikalen“ Elementen gesprochen werden kann, wie dies in einer Verlautbarung aus Kreisen des Stadtrats bereits geschah, so handelte es sich doch bei der „Interessengemeinschaft für Dr. Schüler“ um etwas wohl gar noch Gefährlicheres: um die radikale Mitte. Schon der bekannte Kabarettist Werner Fink hatte vor einigen Jahren einmal versucht, die „Radikale Mitte“ zu organisieren. Als Parteiabzeichen hatte er seinen Anhängern die Sicherheitsnadel vorgeschlagen. Leider hat es der Verfassungsschutz damals versäumt, sich dieses Mannes anzunehmen.

Das wurde nun in Rastatt gründlich nachgeholt. Rufe wie „Hängt sie auf“ und „Schlagt sie tot“ waren am 25. März auf der Publikumstribüne des Rastatter Stadtparlaments zu hören, als über den Fall Dr. Schüler verhandelt wurde. Daher die Polizeiaktion mit dem Ermittlungsthema „versuchter Landfriedensbruch und Nötigung“. Die Zwischenrufer hatten sich zu Unrecht darauf verlassen, daß man ihre Äußerungen aus der Revoluzzer-Tradition Rastatts heraus verstehen und sie so würdigen werde, wie sie gemeint waren: als eine freundliche Aufforderung, schiedlich-friedlich weiter zu diskutieren und nicht nachzulassen. Hätten sie bedacht, daß sowohl der Oberbürgermeister der Stadt, Dr. Kunze, als auch der Innenminister und sein Verfassungsschutzamt rein württembergisch orientiert sind, so hätten diese Zwischenrufer vielleicht den „schwäbischen Gruß“ bevorzugt. Das wäre dann von den schwäbischen Verfassungsschützern sicherlich so gedeutet worden wie allenthalben in Württemberg: als eine besonders herzliche Begrüßung.